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Weseler Werft Frankfurt Reese verabschiedet sich mit „Ödipus“

Michael Thalheimers strenger „Ödipus“ eröffnete Oliver Reeses Intendanz, nun endet sie mit einer Wiederaufnahme unter freiem Himmel an Frankfurts Weseler Werft.

Ödipus
Ödipus vor der Silhouette der Stadt, Marc Oliver Schulze unter der Maske. Foto: Birgit Hupfeld

Der freie hohe Himmel relativiert Ödipius’ schreckliches Schicksal nicht, macht es nicht kleiner. Eher schrumpft die Stadt ein bisschen, schart sich gleichsam um dieses blanke, helle Holzgestell am Main. Manchmal scheint es gar, als halte sie den Atem an. Das Ufer mit seinen Bäumen, Rasen- und Kopfsteinpflasterflächen, das gekräuselte, dunkelnde Wasser, die Jogger und Radler, die Spaziergänger, Hundeausführer und selfie-süchtigen Touristen sind eine ahnungslose wie neugierige Kulisse. Die Flößerbrücke ruht im Hintergrund wie ein Schiff mit Segeln. Auf einigen Balkonen des schicken Wohnviertels (Wohnen am Fluss, und ob) sitzen Logenzuschauer. Und irgendwann fährt ein After-Work-Party-Boot vorbei, die Leute darauf johlen und winken, aber wen interessiert das schon?

Im Herbst vor acht Jahren, als Oliver Reese seine Intendanz in Frankfurt begann, setzte ein Vier-Stunden-Doppelabend mit Sophokles‘ „Ödipus“ und „Antigone“, inszeniert von Michael Thalheimer, ein Zeichen. Nun verabschiedet sich Reese aus Frankfurt und lässt zum Abschied den ersten Teil, „Ödipus“, unter freiem Himmel an der Weseler Werft wiederaufnehmen; in diesen milden Juni-Tagen, die die kürzesten Nächte des Jahres haben.

Was soll das bringen? Nun, es bringt etwas anderes als damals im Schauspielhaus, aber es bringt nicht weniger.

Die Ablenkungsmöglichkeiten sind groß. Einmal fliegt ein Rettungshubschrauber über den Spiel-Platz, einmal plärrt ein Kind, kläfft ein Hund, röhrt ein Protz in einem Porsche oder ähnlichem über die Flößerbrücke. Einmal schreit eine Frau in parodistischer Absicht mit voller Kraft, schreit quasi zurück. Denn so hat gerade Ödipus, Marc Oliver Schulze, geschrien, drei Mal. Das hat sich unterm gräulicher werdenden Himmel – nun mit einigen rosageränderten Wolken – keineswegs versendet.  

Michael Thalheimers Inszenierung von vor acht Jahren ist streng, schlicht, sparsam, ein wenig zeremoniell. Sie achtet auf jede Haltung und Geste. Das macht sie auch so geeignet für diesen luftigen Platz, an dem nur die Hauptfiguren langsam immer mehr ausgeleuchtet werden müssen. Der Chor steht rechts und links und rührt sich nicht vom Fleck. Hinter ihm hervor kommen Ödipus mit bloßem Oberkörper und Holzklötzen (Kothurnen) an den Füßen, Iokaste, Constanze Becker, in dunkelrotem Kleid, Kreon, Isaak Dentler, in hellem Anzug. Von der Seite tastet sich Teiresias, Michael Benthin, die Stufen hinauf. Sie alle, auch der Chor, tragen über weite Strecken ihrer Reden Papiertüten-Masken über dem Kopf (Kostüme: Katrin Lea Tag). Umso bedeutsamer das Spreizen der Hände und Strecken der Arme, das Ballen der Fäuste und Krallen der Finger. Und wie eindrucksvoll Constanze Becker einmal scheinbar im Boden versinkt, ohne dass man eine Bewegung des In-die-Knie-Gehens sähe.

Marc Oliver Schulze ist wie schon bei der Premiere das kraftvolle, expressive Zentrum des Abends. Das sind große Augenblicke: Wie er unter seiner Maske – mit den goldenen Zacken-Zungen einer Königskrone – erstarrt, wenn ihm die Wahrheit zu dämmern beginnt; wie er plötzlich auf seinen Holzklotz-Plateauschuhen ein alter Mann ist mit rundem Rücken; wie er schreit; und wie er sich die Fäuste auf die Oberschenkel schlägt. Der blutüberströmte Ödipus ist am Ende nicht ausdrucksvoller als der sich zuvor gleichsam gesichtslos Krümmende.

„Ödipus – Vor der Stadt“ ist die kleine Aufführungsreihe überschrieben (nur Restkarten an der Abendkasse!), die die Bühne zwar in den Schatten der massigen EZB stellt, den Zuschauer auf der Tribüne aber Richtung Innenstadt blicken lässt. Dort spielt sich indessen das normale Feierabendleben ab; und tritt bald zurück hinter die Geschichte eines Menschen, der die Wahrheit wissen muss, auch wenn sie ihn zerfleischt.

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