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Wagners Ring-Tetralogie Der betrübliche Niedergang der MS Wodan

Dietrich Hilsdorf macht unter dem Strich viel zu wenig aus den Ring-Möglichkeiten an der Oper am Rhein.

Theater
Am Gibichungenhof. Foto: Hans Jörg Michel

Der Rhein, schon wurde es im Parkett beklagt, sieht nicht sehr schön aus, und es ist hier auch nicht zum Besten bestellt. Die MS Wodan liegt schlapp und rostig am Kai und nimmt nur vorsichtig zwischenzeitlich ein wenig Fahrt auf (vorwiegend in der Pause). Die Landschaft selbst ist auf einem per Hand gezogenen Vorhang heillos verschlotet oder eine vage Projektion an den Wänden des Bühnenraums. Passend zu den Rheinpegeln, die der vergangene Sommer hinterlassen hat: Von Wasser keine Spur.

Nach einem ungemütlichen Salon mit durch den Raum brechender Kohlelore („Rheingold“), nach Industriearchitektur („Walküre“), nach Dampfmaschine und Helikopterwrack („Siegfried“) ist das Ausbleiben von Rheinromantik am Gibichungenhof nur logisch. Das Bühnenbild von Dieter Richter ist jedenfalls auch im vierten, abschließenden Teil das prononcierteste Element der Produktion. Dabei erzählt es nicht sehr viel. Die Zeiten sind schlecht. Vielleicht waren sie einmal besser. Sicher ist das nicht.

Etwas eng ist es allemal. Räumlich, dann aber auch in einem allumfassenderen Sinn. Der 70-jährige Dietrich Hilsdorf macht in seiner ersten Inszenierung von Richard Wagners Ring-Tetralogie für die Oper am Rhein – den Aufführungen am Opernhaus Düsseldorf folgt jeweils die Premiere am Theater Duisburg in neuer Besetzung – schon deutlich, dass er sich nicht auf ein „Konzept“ festlegen lassen möchte. Aber er zeigt auf Dauer keine interessante Alternative dazu. Schwung – und 16 Stunden brauchen Schwung – entsteht, wenn er ins Erzählen kommt: die interessante, mit eigenwilligen Figuren bestückte Erzählung als Alternative zur Deutung, darauf will man sich bei einer so durchinterpretierten Oper wohl gerne einlassen. Aber auch die abschließende „Götterdämmerung“ begnügt sich mit einem über weite Strecken zurückhaltenden, konventionell bebilderten, sich eher von Moment zu Moment sich hangelnden Geschehen. Dem Verheißungsvollen folgt meistens zu wenig nach. Die Mythologisierung Wagners abzulehnen, ist zum Beispiel ein Standpunkt. Dass die Nornen ein Kaffeeklatschtrio sind, das sich offenbar regelmäßig in einem nicht schicken Café am Rhein trifft: Nur zu. Auf die Götterdämmerung am Ende aber jenseits eines Feuers an Bord zu verzichten und stattdessen auf den letzten Metern der Dramaturgie die Übertitel zu überlassen: Das ist zu dürftig.

Was sagt denn die Dramaturgie? Sie zitiert aus Botho Strauss’ „Kalldewey, Farce“: „Diese Zeit, die sammelt viele Zeiten ein, da gibt’s ein Riesensammelsurium, unendlich groß ist das Archiv: Alles da und ist zuhanden, viele brauchbare Stoffe noch in den Beständen, im Fundus der Epochen.“ Daraus hätte man etwas machen können. Stattdessen ist die Personenführung solide unauffällig, weitgehend überraschungslos, jenseits der quirligen Rheintöchter statisch, und der Fundus der Epochen (auch der Ring kennt inzwischen Epochen) zeigt sich nicht.

Reizvoll allerdings die Idee, dass Hagen von seinem Vater Alberich den zerbrochenen Speer Wotans als spätere Mordwaffe angereicht bekommt. Da fällt einem wieder ein, dass Wotan einst vom toten Hunding den Schlapphut übernahm. Es fällt einem jedoch auch wieder ein, dass große Oper schon ein bisschen größere Darstellung von Einfällen benötigt, damit sich diese auch mitteilen können. Rheinwein wird hier jedenfalls auch aus der Flasche getrunken. Die Mannen bestehen aus ramponierten Karnevalsgardisten, dazu ausgelaugte Funkenmariechen (Kostüme: Renate Schmitzer), es mag den Rheinländer eigenartig berühren, das so spröde vorgeführt zu bekommen.

Stimmlich ist der Abschlussabend im Opernhaus Düsseldorf wieder so enorm, dass Hilsdorfs altersmilde und schmerzfreie, aber auch unterfordernde Lässigkeit doch mehr als bedauerlich ist. Was für eine Gelegenheit wäre das gewesen. Im Zentrum des durchweg überzeugenden sängerischen Geschehens erneut Linda Watson und Michael Weinius als Brünnhilde und Siegfried im Großformat, beide im ersten Aufzug noch verhalten, fast beklemmt, dann aber mit fabelhaften Reserven. Weinius’ Siegfried erkennt man nicht nur an seiner Kraft, sondern auch an den lyrischen Passagen, scheinbar mühelos dargebracht bei staunenswerter Stimmbeherrschung. Der große Hans-Peter König ist auch in seinem Heimathafen ein durchschlagender, abgrundtief böser Weltklasse-Hagen. Axel Kober dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker dazu in gemäßigten Geschwindigkeiten und mit Opulenz (und mit manchmal doch etwas sehr wackligem Blech), so dass letztlich zu hören ist, was man nicht gezeigt bekommt.

Opernhaus Düsseldorf: 2. Dezember, Premiere am Theater Duisburg: 5. Mai 2019. Im Juni erste Ring-Zyklen in beiden Häusern. www.operamrhein.de

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