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„Volksbühne Fullscreen“ Es tanzt der Tanz im Internet

Und wo bleibt das versprochene Experiment? Die Berliner Volksbühne hat ihre digitale Bühne eröffnet.

Darauf durfte man gespannt sein: Die neue Volksbühne in Berlin hat jetzt eine neue Spielstätte eröffnet, die digitale Bühne namens „Volksbühne Fullscreen“. Die digitale Welt, das Netz, der Medienwandel: Das sind ja tatsächlich weite Web-Wiesen, auf denen die Theater zumeist allenfalls vorsichtigen, oft stolpernden Schrittes unterwegs sind. Das Volksbühne will anders sein, sie will zur digitalen Avantgarde gehören.

Geleitet von der Kuratorin Elodie Evers unter Mithilfe der Netz-Journalistin (und ehemaligen „Zitty“-Chefredakteurin) Mercedes Bunz lädt sie deshalb Künstler ein, um – Zitat – „mit Erzählformen des Theaters digital zu experimentieren“. Der Bildschirm solle zum Aufführungsort werden, die Werke entstünden „zum Großteil exklusiv“ und seien nach der Online-Premiere für jeden dauerhaft und frei zugänglich.

Ein erstes Werk darf nun vor dem Bildschirm betrachtet werden: „Massacre: Variations on a Theme“ von der Choreografin Alexandra Bachzetsis, das als „produziert“ von „Volksbühne Fullscreen“, aber „beauftragt von The Museum of Modern Art, New York“ ausgegeben wird. Es ist darin ein autonomes Klavier zu erleben, das hektische, gedrängte Akkorde ausspuckt (Musik: Tobias Koch). Dazu vier Tänzerinnen (Yumiko Funaya, Lenio Kaklea, Alma Toaspern, Dimitra Vlachou), die in einer Pappkartonbox von letzten – oder ersten – Zuckungen befallen zu sein scheinen. Sie tragen aufgemalte Hosen (Body-Painting: Margarita Bofiliou), legen sich einen langen Spiegel zwischen die Beine, schauen gern in die Kamera oder knapp an ihr vorbei. Einmal rückt eine Darstellerin dicht ans Objektiv heran. Blickt. Schweigt. Das Klavier verstummt. In den Augen zarte Tränen. Black, und eine andere rubbelt über den Pappboden, das Gesicht vom langen Haar verdeckt. Interessant. Es werden keine Massaker gezeigt, es werden ihre Innenseitenwirkungen in Außenseitenfolgen übersetzt.

Nur sitzt man hierbei nicht vor einer digitalen Bühne, sondern schlicht vor einem Tanzfilm (Kamera: Glen Fogel). Das Digitale besteht darin, dass er im Internet zu sehen ist. Abgefilmtes Theater als Experiment mit den Erzählformen des Theaters?

Der Regisseur und Schauspieler Herbert Fritsch bespielte einst mit seinen „Hamlet_X“-Filmen den digitalen Raum weitaus komplexer, mediendifferenzierter, indem er Theater-Spielweisen mit Clip-Ästhetiken konfrontierte. Die ersten dieser Digitalbühnenbeiträge entstanden vor siebzehn Jahren. Dass sie damals vom Internet auf DVD umzogen, hatte lediglich technische Gründe. Dass „Fullscreen“ jetzt aber das verstaubte Theaterabfilmen als „digitale Bühne“ verkauft, hat konzeptionelle Gründe: Es ist Etikettenschwindel.

Aber gut, es sollen weitere Premieren der „digitalen Bühne“ folgen. Ab Freitag wird Alexander Kluge wöchentlich einen Film zeigen, „der sich aus verschiedenen Blickrichtungen mit der Vergangenheit und der Zukunft der Volksbühne beschäftigen wird“. Und im Februar soll eine eigens produzierte Web-Serie auf „Fullscreen“ laufen, „Rheingold“ von Alex Wissel und Jan Bonny. Mal sehen.

www.volksbuehne.berlin.de

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