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Volksbühne „Das ist ein Gewitter an Ängsten und Vorwürfen“

Endlich wird am Rosa-Luxemburg-Platz wieder gespielt. Aber was? Ist die Volksbühne noch ein Theater oder schon ein Festspielhaus? Ein Gespräch mit Programmdirektorin Marietta Piepenbrock.

"The show must go on"
„The show must go on“ von Jérôme Bel ist demnächst auch in der Volksbühne zu sehen. Foto: David Baltzer

Die Volksbühne unter der neuen Leitung von Intendant Chris Dercon und Programmleiterin Marietta Piekenbrock hat nun all ihre Spielstätten in Betrieb genommen. Die Kritik zu den ersten Hervorbringungen war gespalten, oder sagen wir so: Der Eröffnungsaufschlag war nicht von einer künstlerischen Wucht, die ausgereicht hätte, den grundsätzlichen Streit, die Strukturdebatte aus der Welt zu schaffen. Als Kernpunkt des Konfliktes hat sich die Frage herauskristallisiert, ob die Volksbühne nun als Ensemble- und Repertoiretheater abgewickelt wurde und als ein Plattformtheater, ein Produktionshaus, ein Festspielhaus wieder aufgemacht hat. Wurde also ein Systemwechsel verschleiert? Wäre er diskutabel? 

Frau Piekenbrock, die Eröffnung der Volksbühne ist vollbracht. Man kann nun ein bisschen die Tendenz sehen: Es geht deutlich weg vom Sprechtheater und vom Schauspieler…
Man kann es auch positiv formulieren: Es geht ja auch hin zu etwas, wir erweitern das Spektrum.

So eine Erweiterung hat Einfluss auf die Betriebsstrukturen. Ist das nun ein Systemwechsel oder nicht?
Ich würde das nicht Systemwechsel nennen. Wir wollen aus diesem Haus kein Produktionshaus machen. Wir sind ein Staatstheater. Die Volksbühne ist ein Haus mit großartigen Handwerksbetrieben, mit einer sehr leistungsfähigen Infrastruktur, die für die Entstehung von Kunst essenziell ist. Und so ist auch unser Spielplan ausgerichtet. Und da zielen Vokabeln wie Systemwechsel, Plattformtheater, Festivalstrukturen, zusammengekaufter Spielplan ins Leere – das ist ein Gewitter an Ängsten und Vorwürfen, die nicht zutreffen auf das, was Chris Dercon und ich vorhaben.

Ist denn die Volksbühne geeignet für das, was Sie vorhaben?
Die Volksbühne ist eines der hierfür geeignetesten Theater in Europa. Es ist eines der freiesten Theater. Das fängt damit an, dass es keine Abonnementstruktur gibt, die Werkstätten sind unabhängig, dass es ein relativ junges Haus ist, hervorgegangen aus einer der wichtigsten kulturpolitischen Graswurzelbewegungen. Die Gründungsgeschichte hat vorweggenommen, was Brecht 1936 mit seinem Begriff vom Bevölkerungstheater mitgemeint hat. Und es war immer ein Künstlertheater, von Künstlern geleitet. Die Herstellungszusammenhänge waren sehr gezielt und sensibel auf die Produktion ausgerichtet. Diese absolute, wochenlange Konzentration auf eine Produktion, das können sich die wenigsten leisten. Diese Freiheit, diese Fähigkeit zur Hingabe ist etwas ganz Besonderes. Deshalb sind die Strukturen hier schon immer freier gehandhabt worden als anderswo. 

Wenn es kein Systemwechsel ist, als was würden Sie es bezeichnen, wenn über die Hälfte der Ensemble-Stellen abgebaut werden?
Strukturell haben wir die Stellen im Haushaltsplan gestrichen, das ist richtig. Wir sind von 27 Stellen auf elf gegangen, genauso viele wie Frank Castorf besetzt hatte. So hat er sich einen großen Spielraum geschaffen für Gäste und für feste Gäste. Das ist auch für unsere Künstlerinnen und Künstler eine Voraussetzung. Mit einem festen Ensemble und all den Vorabsprachen, die daraus erwachsen, könnten wir einen international ausgerichteten Mehrsparten-Spielplan nicht gestalten. Wir wussten, wir haben diese elf Stellen, die wir auch wieder aufbauen wollen. Aber der Ensemble-Gedanke ist nicht das Zentrum unserer Programmidee.

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