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Volksbühne Berlin Soll ich einen Witz erzählen?

Besser nicht: Die Volksbühne Berlin startet die Spielserie „New Crime Sports“.

New Crime Sports
Ausgesucht unfertig: „New Crime Sports“. Foto: Calla Henkel & Max Pitegoff

Mit einem lustigen Szenenreigen wurde nun auch der Grüne Salon an der Berliner Volksbühne in den Spielplan genommen. Nach den Darbietungen auf dem Tempelhofer Feld, den Kunstkonzeptversuchen mit Tino Sehgal und Samuel Beckett im Großen Haus und einem aus Zürich heraufgekommenen Gastspiel im Roten Salon ist damit auch die letzte Spielstätte des Hauses auf Sendung gegangen. Gegeben wurde im Grünen Salon das von Calla Henkel und Max Pitegoff sowohl verfasste als auch inszenierte Stück „New Crime Sports“, an dem künftig wöchentlich weitergeschrieben und weiterinszeniert werden soll. Theater im Weiterbildungsmodus. Immerhin ist noch vor Weihnachten damit die Volksbühne im Vollbetrieb.

Sagen wir es so: Sie hatten an der Volksbühne viel Vorbereitungszeit (zwei Jahre) und viel Vorbereitungsgeld (über zwei Millionen), aber sie sind noch sehr am Anfang. Wenn dies denn überhaupt ein Anfang ist und nicht eine einzige große Abrissveranstaltung. Auf dem Papier mag man diesen stolpernden Versuchen auf den weiten Feldern der bildenden und darstellenden Künsten noch ein gewisses Bemühen um Kenntlichkeit und substanzieller Aussagekraft zugute halten, in der Praxis haben sich die verschiedenen Inbetriebnahmen der Spiel- und Kunstausstellungsstätten indes als bemerkenswert orientierungslos erwiesen. Sie scheinen an der Volksbühne noch immer selbst überrascht zu sein, dass sie jetzt ein Theater in Berlin im 21. Jahrhundert leiten sollen.

Das eigens erfundene Stück „New Crime Sports“ hat dabei immerhin den Vorteil, dass es gar nicht so tut, als sei es politisch, ästhetisch oder auch nur berlinmäßig irgend auf Augenhöhe. Welch fesches Bekenntnis zum Halb- oder Viertelfertigen! Es stehen sechs Figuren auf der Suche nach irgendwas, ein paar Lampen und ein paar Sofas auf der breiten Bühne, links und rechts von einer Bar gerahmt. Es wird geraucht, gesoffen und aus Büchsen Pfirsich gegessen. Eine wild pubertierende Schmollmundtochter steht in gelben Gummistiefeln auf einem Flügel, einer mit Zopf und Stirnband sitzt am Keyboard, schreit manchmal und macht viel Großaugen, einer geht mit Wischeimer umher, alle reden sie von ihrem Leben und Fühlen, das an allen Enden auszufransen droht.

Ein Vater auf dem Sofa: „Soll ich einen Witz erzählen?“ Und alle: „Nein!“. Eine Mutter: „Das Leben ist kurz, drum mag ich’s groß.“ Und alle: nichts. Am Ende ist die Stimme von Silvia Rieger aus dem Off zu vernehmen, eine maulende Kassandra über das „zerbrechliche Gleichgewicht dieser Egos“, in einer Stadt, die „anspruchslose Events“ aneinanderreiht. Vielleicht ist damit ja Berlin gemeint.

In der Ankündigung zu diesem Abend ist zu lesen, das Stück spiele in einer „undeutlichen Vergangenheit, in der Wahnsinn die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs wellenartig überfällt“. Das stimmt. Es wird hier derart unbedarft drauflosgespielt, als hieße Theater, dass ein paar Leute zugucken wie ein paar andere Leute ihre Sätze und Klamotten spazierentragen. Ein Wahnsinn, Theater im shabby-style, von den Kostümen bis zur Dramaturgie: ausgesucht unfertig, betont rotzig, oft auch schlicht bekennerhaft dilettantisch. Es wird deutsch, englisch, französisch gesprochen, nicht immer ist alles zu verstehen, aber auf das Verstehen kommt es ohnehin nicht an. Sonst allerdings auch auf nichts.

„Die alte Ordnung hat sich längst aufgelöst“, so die Ankündigung, man verbringe die Abende „mit Geplauder über Straßen, städtische Kraftwerke und Nachtclubs, derweil man halbherzig versucht, sich an die Texte einst geliebter Lieder zu erinnern“. Stimmt auch. Die alte Ordnung ist weg, eine neue gibt es nicht. Es gibt nur dieses Theater auf Selbstsuchetrip. Ein Witz.

Volksbühne Berlin:
23.-25. November, 7.-9. Dezember. www.volksbuehne.berlin.de

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