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Volksbühne Berlin Das kegelt mich kurz aus der Spur

Die zweite Premiere der ersten Spielzeit von Chris Dercon ist ein Gastspiel: Sandra Hüller zelebriert „Bilder deiner großen Liebe“.

Berlin
Sandra Hüller und rechts die Topfpflanze, die umfallen wird. Foto: Niklaus Stauss

Der erste Satz dieses letzten, unvollendet gebliebenen Romans von Wolfgang Herrndorf liefert das Motto dieses Abends: „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“ Er fällt in dieser unterhaltsamen Veranstaltung erst spät, aber er gibt ihm den Takt vor: Verrückt ist auch nur eine andere Form des Normalen. Verrückt kann alles sein, normal auch.

Also darf in dieser Inszenierung von Tom Schneider alles gleichberechtigt vorkommen: das Schreien und die Stille, der Guckkastenbühnenkammerton und der Publikumssmalltalk, das großtragödiengleiche Silbenaufschaukeln und die schäkernde Ironie. Mal steht hier eine fest verschlossene Fiktionsfigur auf der Bühne, mal eine sehr private Schauspielerin. Für Freunde des Studiums höchst unterschiedlicher Spielweisen ist diese Vorstellung ein Genuss. Und alle Zweifler, die sich fragen, ob Schauspiel und Performance zu vereinen wären, dürfen getrosten Mutes sein: Das Aus- und Vorstellen verträgt sich bestens. Es geht in diesen 75 Minuten ohnehin alles verblüffend reibungsfrei zusammen: die Musik und der Text, die Bitternis und das Vergnügen, das Kühne und das Kecke.

Das passt zur Vorlage, zu diesem assoziationsfreudigen Text, in dem Isa, die „Herrscherin über das Universum, die Planeten und alles andere“ durch ihre und unsere Welt tigert. Isa ist die 14-jährige Protagonistin in Herrndorfs Roadmovie-Roman „Tschick“, in dem zwei pubertierende Jungs auf Umwegen durch Deutschland irren und eben diese Isa auf einer Mülldeponie entdecken. Aus der Randfigur in „Tschick“ wird in „Bilder deiner großen Liebe“ eine Überlebensheldin. Eine Künstlerin. Eine Seiltänzerin.

Auch deshalb kommt hier der Roman als Rockkonzert und Lesung, als Show und Schauspiel zugleich auf die Bühne: Er porträtiert eine Kippfigur, immer auf der Kante zwischen himmelhoch und höllentief. Isa hockt vor einem toten Rehbock und bei Säufern, hält die Sonne an, „wenn ich das will“, steht vor einem Kriegsgräberdenkmal und stellt fest: „Das kegelt mich kurz aus der Spur“. Der Tod? Das Leben? „Was macht es für einen Unterschied, vor siebzig Jahren gestorben zu sein oder vor siebzig Sekunden? Keinen.“ Solche Fragen zu stellen!

Schön. Besonders schön, weil der Abend einzig der großen Widerspruchsvereinigungskünstlerin Sandra Hüller gehört. Es gibt wenige, die zwischen den größten Gegensätzen so straffe, tragfähige Spielseile aufzuspannen vermögen wie sie. Sandra Hüller zuzuschauen ist immer ein Gewinn. Dennoch ist dieser Abend eine Enttäuschung. Denn Sandra Hüller breitet, unterstützt von zwei Live-Musikern, zwar die Instrumente ihres Könnens aus, aber sie wendet sie nicht an.

Sie spaziert überaus souverän durch diese Ton- und Textlandschaft, singt, flüstert, brüllt, lässt den Mikroständer schwanken und die Topfpflanze umfallen, ohne jedes Risiko jedoch. Sie hat immer alles unter Kontrolle, jede Silbe, jede Wirkung. Sie wickelt das Publikum gekonnt um ihren kleinen Finger und lässt es dabei bewenden. Schade.

Die jetzige Enttäuschung hat eine Vorgeschichte, natürlich. Wer sie, zum Beispiel, in Hans-Christian Schmids Film „Requiem“ (2006) und jüngst in Maren Ades „Toni Erdmann“ (2016), wer sie auf der Bühne als „Parzival“ (Hannover, 2010) oder als „Virgin Queen“ (2009, an der Volksbühne) erlebt hat, wird sich über diesen sonderbar polierten, kantenlosen Abend wundern: Isa als Etüdenspielfeld, mehr nicht.

Nicht wunderlich ist dagegen, dass die neue Volksbühne unter Chris Dercon nach dem sonderbar seelenlosen Eröffnungswochenende ein Gastspiel (die Inszenierung kam im April 2016 in Zürich heraus) als zweite Hauspremiere zeigt: zwei Vorstellungen im Roten Salon, das war’s. So war das ja, leider, befürchtet worden: die Volksbühne als Durchgangsspielstätte. Verrückt.

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