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Vivienne Newport ist tot Die Anziehungskraft der Schönheit

Zum Tod der Tänzerin und Choreographin Vivienne Newport, die bei Pina Bausch angefangen hatte und über Jahre Frankfurts freie Tanzszene mitprägte. Mit 63 Jahren starb sie jetzt in Berlin.

28.04.2015 16:36
Stefan Michalzik
Die Tänzerin und Choreographin Vivienne Newport, hier 1999 in Frankfurt, ist mit 63 Jahren in Berlin gestorben. Foto: dpa/picture alliance

Es war die Gründerzeit des Freien Theaters in Frankfurt, in den frühen achtziger Jahren. Eine Zeit des Aufbruchs, im Fahrwasser des gesellschaftlichen Umbruchs in der alten Bundesrepublik, für den die Jahreszahl 1968 steht.

Die Tänzerin Vivienne Newport, geboren in England, hatte 1973 zu den Gründungsmitgliedern des Wuppertaler Tanztheaters von Pina Bausch gehört. Acht Jahre lang tanzte sie bei Bausch, Jahre, in denen das neue Genre Tanztheater definiert wurde. Newport wirkte in heutigen Klassikern mit, wie „Iphigenie auf Tauris“, „Frühlingsopfer“, „Die sieben Todsünden“, „Blaubart“, „Komm tanz mit mir“ und „Kontakthof“.

Ideale Bedingungen am TAT

Als Choreographin fand sie schnell zu eigenständigen Setzungen, so prägend die Übermutter des Tanztheaters für ihr choreografische Schaffen auch war. Am Frankfurter Theater am Turm (TAT) traf sie auf ideale Voraussetzungen. 1981 gründete sie hier ihr eigenes Ensemble, engagiert vom damaligen Intendanten Peter Hahn, unmittelbar nachdem sie von Bausch weggegangen war.

Am TAT hatte die Stadt unter dem Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann zwei Jahre zuvor das Sprechtheater-Ensemble gekündigt, was zu Protestzügen führte. Nun sollte dort eine Produktionsstätte für Freie Gruppen installiert werden. Die ökonomischen Bedingungen waren für die Verhältnisse der sonst darbenden Szene generös.

Im Januar 1982 hatte das erste Stück Premiere, „Mist“. Rasch konnte sich Newport ein überregional ausstrahlendes Renommee erspielen. Das Café-Stück „Hinter der Scheune überfrisst sich der Ochse“, wenige Monate später, beschäftigte sich mit Texten und Musik von Erik Satie.

Ein Schub von sagenhaften neun Produktionen entstand in drei Jahren – Vivienne Newport hat sich damit in die Geschichte des deutschen Tanztheaters eingeschrieben. Der Einzelne und die anderen – das blieb beständig ihr Motiv. Immer wieder ging es um Fragmentierung und Isolation.

Um Zwänge und den Kampf um Freiräume, die Mechanisierung von Alltagshandlungen. Oft waren die Stücke dunkel gefärbt, meist kam ein humorvoller Zug oder ein ironischer Biss ins Spiel. „Ich setze auf die Anziehungskraft der Schönheit“, sagte sie einmal im Interview.

Die Stücke von Vivienne Newport waren mal im Gallus-Theater, mal im Theaterhaus und mal in der Naxos-Halle zu sehen. Bisweilen setzte sie sich auch mit der Kraft von Räumen außer der Reihe auseinander, 1997 etwa in der Tiefgarage der ehemaligen Adlerwerke.

Zunehmend schmaler wurde das Budget der öffentlichen Förderung. Als die Stadt die feste Förderung strich, löste sie ihre Gruppe auf, 2004 war das.

Vivienne Newport ging nach Berlin und arbeitete weiter frei als Choreographin und Regisseurin, unter anderem am Staatstheater Kassel, auch wieder mit einer eigenen Truppe. Zuletzt entwickelte sie im Zuge des Education-Programms von Simon Rattle einen Rameau-Abend bei den Berliner Philharmonikern.

Nach langer Krankheit ist Vivienne Newport am Montag mit 63 Jahren in Berlin gestorben.

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