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„Tristan und Isolde“ in Baden-Baden Schwarze Sonnen

Simon Rattle dirigiert „Tristan und Isolde“ als gewaltige Sinfonie im Festspielhaus Baden-Baden. Musikalisch ist das großes Kino, optisch nicht weiterführend.

Eva-Maria Westbroek und Stuart Skelton als Tristan und Isolde im Festspielhaus Baden-Baden.

Ein großes, dabei eigenwilliges Ereignis ist es, wie Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker im Festspielhaus Baden-Baden Richard Wagners „Tristan und Isolde“ als gigantisches sinfonisches Werk bieten. Das ist nicht abwegig, aber bisweilen schade und schon verblüffend, wenn selbst eine so mächtige Isolde wie Eva-Maria Westbroek zum Schluss schier im Streichermeer versinkt.

Denn ein solches Paar ist in Deutschland selten zu hören: Die Niederländerin Westbroek geht mit der Partie sparsam um, debütierte darin 2013 und kam 2015 als ursprüngliche Bayreuther Wahl für Katharina Wagners Inszenierung dem Vernehmen nach nicht mit Christian Thielemann zurecht (dann kam Anja Kampe, dann Eva Herlitzius, auf einem Feld, auf dem sonst eher die Tristans zu straucheln pflegen). In Baden-Baden weiß sie höchste Standfestigkeit mit der Fülle des Wohllauts zu verbinden, ein gellender Spitzenton lässt sich expressiv vertreten, Schlusserschöpfung stellt sich nicht über das Maß hinaus ein, das einer Frau ansteht, die aus Liebe und Entschlossenheit stirbt – in Baden-Baden stirbt sie übrigens, weil sie sich die Pulsadern öffnet; der Liebestod: immer noch schwer auszuhalten für Regisseure.

Westbroek ist die strahlende Heldin des Abends. Schier unerschöpfbar aber auch ihr australischer Kollege Stuart Skelton, ein wunderbar dunkel grundierter, dabei in jeder Lage entspannt wirkender Tenor, der Stunden später noch kraftvoll lyrisch singt, nie plärrt, nie aus dem letzten Rohr pfeift, immer noch eine Nuance zarter werden kann. Es ist wirklich kaum zu glauben, dass dieser Tristan dem Tod geweiht ist. Mühelosigkeit in der Kunst (wie im Sport) hat seine Tücken, wirkt leicht ein bisschen unpersönlich, bringt Skelton allerdings auch in die Eröffnungspremiere der Met 2016/17, für die die Baden-Badener Koproduktion – dann mit Nina Stemme als Isolde – nach New York transportiert werden wird.

Dort konnte der polnische Regisseur Mariusz Trelinski schon erfolgreich inszenieren, von hier aus betrachtet ist das etwas überraschend, denn die Kluft zwischen musikalischer und szenischer Darbietung wird im Verlauf der Stunden nicht kleiner, sondern größer. Zum Vorspiel pinselt sich ein Kreis wie von Geisterhand auf den Vorhang und erweist sich als Radaranzeige, in der bald Filmbilder einer Schiffes in schwerer See erscheinen (Video: Bartek Macias). Das ist reizvoll, aber dem Regieteam noch lange nicht genug. Von der See geht es in den Wald, in die Kindheit Tristans (?), zu einer schwarzen Sonne, flammenumwabert, dann überhaupt Flammen.

Zum ersten Akt leuchtet die nautische Umgebung selbstverständlich ein, meistens sind nur Teile von Boris Kudlickas Bühnenbild zu sehen: Isoldes Kajüte, das Treppenhaus, in dem Tristans paramilitärische Leute die brave Hausangestellte Brangäne belästigen, im Keller zwischendurch auch als Rückblick – um Handlung zu zeigen, die in Wagners Oper offensiv fehlt – die Ermordung Morolds, hier nicht im Kampf, sondern als Erschießung eines Gefangenen.

Das Meer wallt, die Vögel ziehen

Schon hier fällt aber auf, wie unelegant das Bühnenbild funktioniert – obwohl Isolde bekanntlich auf Tristans Vorsprechen bei ihr besteht, muss sie selbst das Stockwerk wechseln, um die gewünschten Bildeffekte zu erzielen. Die Liebesnacht beginnt in einer Art Kontrollzentrale, um später, seltsam, in einer Bar-Lounge zu enden. Tristans Totenlager ist ein normales Krankenhausbett mit Tropf-Ständer, jedoch gerät er zwischenzeitlich in eine abgebrannte Holzhütte.

Im Hintergrund kreisen die schwarzen Sonnen, wallt weiter das Meer, ziehen Vögel. Alles ist buchstäblich äußerst dunkel, aber nicht tief. Das Deutungsangebot geht in die Richtung einer schweren Depression. Man hat zwischendurch den Eindruck, Trelinski könnte Lars von Triers Film „Melancholia“ vor Augen gehabt haben, in dem „Tristan“-Musik eine entscheidende Rolle spielt. Tatsächlich suizidieren sich hier beide Liebende besonders offensichtlich. Tristan wirft sich nicht in Melots Schwert, sondern sticht sich mit eigenem Messe, auch Isolde überlässt, wie gesagt, den Liebestod nicht der reinen Liebe.

Demgegenüber stehen zaghafte (positiv könnte man auch sagen: dezente) Versuche, das Geschehen in Richtung einer üppigeren Gewalttätigkeit zu deuten. Tristan wird von Markes smarten Offizieren sofort zusammengeschlagen, Isolde im Hintergrund vermutlich missbraucht. Als sie wieder auftaucht – oft unglücklich: die Auf- und Abgänge – ist ihr Kleid zerrissen. Die Personenführung ist ansonsten zurückhaltend, teils nicht erkennbar. Es gibt dafür aber auch keine Peinlichkeiten im engeren Sinne und nämlich weit schlimmere Liebesnächte. Diese zeigt die Liebenden ganz unverbindlich.

Wer sich „Tristan und Isolde“ bei den für Ende März geplanten Konzertaufführungen in Berlin anhört, verpasst nicht viel und darf auf eine günstigere Platzierung der Sänger setzen. Sarah Connolly und Michael Nagy als Brangäne und Kurwenal sind unbedingt festspielwürdig, Stephan Milling ist ein opulent tragischer Marke. Die Buhs für die Regie sind bei dieser Oper immer auch obligatorisch, allerdings eigentlich auch die Buhs für das Dirigat. Nichts von zweiterem in Baden-Baden. Der große Beifall wurde zum Jubel für Isolde und mehr noch für Rattle und die Berliner.

Festspielhaus Baden-Baden: 22., 25., 28. März. www.festspielhaus.de

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