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Titania Frankfurt Keine Tür kann zu bleiben

Regisseur Beatnik nimmt sich im Titania Zeit für Dennis Kellys hochpolitisches Stück „Waisen“.

„Waisen“
Das Draußen kommt herein: Szene aus „Waisen“. Foto: Reinhold Schultheiss

Betont langsam hat der unter dem Künstlernamen Beatnik wirkende Regisseur Adrian Scherschel das Stück „Waisen“ des britischen Autors Dennis Kelly inszeniert. In Koproduktion mit dem Freien Schauspiel Ensemble analysiert er im Frankfurter Titania akribisch das Beziehungsgeflecht zwischen drei Menschen, die sich nahe stehen, jedoch kaum miteinander sprechen können.

Ausgangspunkt ist ein Gespräch bei Wein und Kerzenlicht. Ein junges Paar hat den fünfjährigen Sohn für einige Stunden auswärts untergebracht, um sich am Beginn einer zweiten Schwangerschaft in romantischem Ambiente vertraut austauschen zu können. Die Sätze, die sie miteinander sprechen, sind jedoch knapp und voller Widerhaken. Immer wieder unterbricht Danny (sehr überzeugend: Daniel Schwingel) seine Ehefrau Helen. Hier herrscht aller Kerzenromantik zum Trotz kein Einklang. Wie im realen Leben treten Unstimmigkeiten jedoch nur fragmentarisch an die Oberfläche. Helen, natürlich von Randi Rettel gegeben, ist zunächst der Motor des Zweifels. An der Schlüsselfrage, ob ein zweites Kind überhaupt erwünscht sei, spielt sie tiefe Amivalenzen aus.

Mitten in das Gespräch über die familiäre Zukunft tritt Liam, der Bruder Helens (David Földszin), mit ihm bricht die Außenwelt ein. Liams T-Shirt ist blutdurchtränkt. Aus wirren Worten geht hervor, dass er einem am Boden liegenden, verletzten Menschen geholfen haben will. Es beginnt ein irritierend zähes Verhör, in dem Bruder und Schwester, die als Waisenkinder unter prekären Umständen aufgewachsen sind, eine solidarische Achse bilden. Der Regisseur stellt den Bruder immer wieder zwischen das Ehepaar.

Doch geht es in dem Stück „Waisen“, das 2009 – dem Jahr, in dem Dennis Kelly von deutschen Theaterkritikern zum besten ausländischen Dramatiker gewählt worden ist – in England uraufgeführt wurde, nicht nur um innerfamiliäre Befindlichkeiten. Es zeigt vielmehr, wie eng Innen- und Außenwelt verflochten sind und dass man als Bürger passiv oder aktiv an brutalen, rassistischen Übergriffenbeteiligt ist.

Beatnik hat diesen Prozess in überzeichneter Langsamkeit und betonter Alltäglichkeit ausgearbeitet. Die Sprechhaltung der Akteure ist nah an einer fast banal wirkenden Normalität. Diese wirkt so harmlos, dass die Ungeheuerlichkeit der sich einschleichenden Wahrheiten zunächst kaum wahrgenommen wird. Spürbar sind nur die Blockaden zwischen den Menschen. Ein vertrauensvolles Miteinander ist ihnen in einer Gesellschaft, die menschenverachtende Übergriffe toleriert, nicht möglich.

Am Vorabend zum zweiten Advent beleuchten am Ende zwei Kerzen die Dunkelheit. Menschen sind nicht mehr zu sehen. Sie haben den Ort in unterschiedliche Richtungen verlassen. Vom Heimeligen ist nichts mehr geblieben.

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