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Theater Willy Praml "Reigen" Und in Zimmer 12 erwacht der Graf

So machen's alle, und ist es denn so schlimm? Arthur Schnitzlers „Reigen“, vom Frankfurter Theater Willy Praml hinreißend leichtherzig und -fertig aufgeführt im Grandhotel Hessischer Hof.

Blickdicht, aber wir mittenmang. Der Hessische Hof in Frankfurt als Schauplatz von Schnitzlers "Reigen". Foto: Christoph Boeckheler

Der Reiz von Arthur Schnitzlers „Reigen“ liegt nicht nur darin, dass Pärchen ihre Promiskuität ausstellen und alle dabei zuschauen dürfen. Sondern er liegt auch in einer erheblichen Lebenszugewandtheit, allen Kränkungen und betrüblichen Missverständnissen zum Trotz. Diese prosaisch fidele Seite kam am Wochenende hinreißend zur Geltung, als das Theater Willy Praml zu Gast im sanierten Frankfurter Grandhotel Hessischer Hof war und „Reigen“ unter Pramlscher Regie zur leider nur zweimaligen Aufführung in diversen Räumen brachte.

Nämlich: In der Tiefgarage kokettierte der rüstige Hoteldiener (Tim Stegemann) so heftig mit der bodenständigen Dirne (Katarina Schmidt), dass es zu Sex im Hessischer-Hof-VIP-Wagen kam.

Im Fitness-Studio im 7. Stock traf das rasch hinsinkende Süße Mädel (Lisa Zanaboni) auf den trainierenden Gatten (Reinhold Behling), und schon die Wahl der Kostüme (Michael Weber) muss eine Freude gewesen sein. Kaum war das Süße Mädel aus dem Studio, trat die Junge Frau (Juliana-Rachel Fuhrmann) hinzu, die sich nach einem Quickie mit dem eigenen Gemahl im Wintergarten mit dem Jungen Herrn (Jakob Gail) traf.

Zwei Meter entfernt flanierten ja die Hotelgäste, und die Panik der so skrupellosen wie auf Diskretion bedachten Jungen Frau war begreiflich wie selten. Der Junge Herr nahm sich im Anschluss Zeit für das erotisierend saugende Stubenmädchen (Petra Fehrmann, heute Abend auch im Taunus-Krimi im ZDF zu sehen).

Die gemütliche Dirne erwachte unterdessen in Zimmer 12 neben dem lackaffigen, aber wohlerzogenen Grafen (Sam Michelson), der hier ebenso von der mit allen Wassern der Erfahrung gewaschenen Schauspielerin (Birgit Heuser) empfangen wurde.

Welche im wunderschönen Atrium den Dichter (Michael Weber) besuchte, so dass auch die Kulturszene einmal aufeinander traf. Und trotzdem lief es auf dasselbe raus wie gleich darauf mit dem Süßen Mädel (bloß kannte es die Dichtungen des Dichters nicht, der Dichter war außer Fassung). Wieder zurück in der Tiefgarage lachte sich der Hoteldiener das Stubenmädchen an. Wir immer mittenmang.

So stellte es sich jedenfalls aus Sicht eines Mitglieds der roten Gruppe dar. Die Zuschauer, so viele, wie halt reinpassten, erlebten die Szenen in unterschiedlicher Reihenfolge. Die kleinen Nachteile: Dass also nicht immer einer dem nächsten die Klinke in die Hand geben konnte. Und dass man manchmal etwas warten musste. Es gab aber auch sonst viel zu sehen: das ganze Hotel als begehbare Kulisse, und kein Inspizient, der einen anschrie.

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