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Theater Willy Praml „Iphigenie“ Wer redet, verliert nicht

Goethes „Iphigenie“, geradlinig sowie mit hübschen Ironien beim Theater Willy Praml.

Im 25. Jahr seines Bestehens eröffnet das Theater Willy Praml mit Goethes „Iphigenie“. Foto: theater willy praml

Einen Blumenkranz im Haar trägt Iphigenie, einen Armeemantel, darunter ein funkelndes, nachtblaues Abendkleid. So, optisch als diverse Erwartungen Tragende wie auch Wandelbare ausgestattet, platziert Birgit Heuser erst einmal Wort für Wort des ersten Auftritts der Iphigenie, spricht mit Bedacht, als müsse sie selbst jeder Zeile hinterherlauschen, jede Zeile nach ihrer Gültigkeit und ihrem Gewicht befragen: „Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten“, den Seufzer einer Exilierten; wie auch „Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück“, was sie selbst zuletzt am besten zu widerlegen weiß – obwohl (weil?) ihre einzige Waffe die Redlichkeit ist.

Im 25. Jahr seines Bestehens eröffnet das Theater Willy Praml – in einer, Vorsicht!, eisekalten Naxoshalle – mit Goethes „Iphigenie“; ohne den Zusatz „auf Tauris“, dafür mit einer Frage in der Unterzeile: „Kann Humanität den Schrecken dieser Erde überwinden?“

Auf die für Willy Praml ungewöhnliche Kürze von zwei pausenlosen Stunden hat der Regisseur das Stück, ganz behutsam, verdichtet. Neben Birgit Heuser in der Titelrolle spielt Jakob Gail Thoas, König der Taurier, sowie Pylades, der in Gefangenschaft gerät und geopfert werden soll zusammen mit Iphigenies Bruder Orest, hier dargestellt von Michael Weber. Weber ist auch Arkas, Vertrauter des Thoas. Und zeichnet für Bühne und Kostüme verantwortlich.

Wie eigentlich stets, wenn Willy Praml Regie führt, wird der Text sorgsam behandelt (auch dank der Schauspieler natürlich), wird er nicht unter Bildeinfällen vergraben: Praml setzt in Szene, aber sparsam. Thoas etwa sitzt während Iphigenies Monolog schon still mit dem Rücken zum Publikum, hat die Füße in einem Zuber – und entsteigt ihm schließlich mit schweren Stiefeln, Blut an den Sohlen. Er sieht, dass er blutige Tritte hinterlässt, zieht seine Stiefel aus und geht barfuß weiter zu Iphigenie, um die er nun als Zivilist werben will.

Er ist so groß und laut und gibt sich doch geschlagen

Später tritt er unter Blitz und Donner, überlebensgroß und -laut als Krieger auf – und gibt sich doch am Ende Iphigenies Aufrichtigkeit geschlagen. Was eine Antwort auf die Frage des Untertitels sein könnte. Der junge Goethe lässt Iphigenies Humanität obsiegen; es gibt Gründe, das für Optimismus zu halten.

Die Inszenierung ist zwar eine geradlinige Befragung des Stückes. Aber sie ist doch nicht ohne hübsche Ironien und hintergründige Distanzierungen. So geben spielende Kinder (der Klasse 6e der Helmholtzschule) hier die versöhnten Tantaliden in Orests Hadesvision. Dazu erklingt „Erzähl mal“ von Deinen Freunden: „Wie war’s in den Ferien? Gut. Was hast du da erlebt? Viel. Wie war’s mit den anderen? Gut. (...) Habt ihr die Regeln kapiert? Es ist ganz leicht, wer zu viel redet, verliert.“ Das gilt keineswegs für Iphigenie, die zuletzt Thoas gleichsam niederargumentiert.

Willy Praml lässt das Happy End zu – der König ist überzeugt, die Geschwister und Pylades dürfen nach Hause reisen – aber er bricht es, sanft, mit einer kleinen Slapstick-Nummer: Nicht einmal, wie bei Goethe, erbittet Iphigenie mit einem „Nicht so“ mehr als die Freiheit, nämlich den Segen des Königs. Birgit Heuser wird zur Nervensäge – aus Glück? aus Ausgelassenheit? –, indem sie wieder und wieder umkehrt mit diesem „Nicht so“. Wieder und wieder muss Orest sie an der Hand nehmen und zum Schiff ziehen. Aber noch in der Tiefe der Halle reißt sie sich los mit einem „Nicht so“.

Einen Ehrenplatz übrigens bekommt im wie immer überzeugend kargen Bühnenbild die Darstellerin des Tempel-Portals der Diana: Die wuchtige hölzerne Haupttüre des ehemaligen Frankfurter Schauspielhauses, das 1944 zerbombt wurde, ging im Jahr der Holzmann-Insolvenz ans Theater Willy Praml. Das hat sie inzwischen von Ralph Heinze liebevoll restaurieren lassen.

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