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Theater Willy Loman wacht auf

Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ ist als karges Seelenspiel im Deutschen Theater Berlin zu sehen.

Tod eines Handlungsreisenden
Ulrich Matthes als heimgesuchter Willy Loman. Foto: Arno Declair

Karge, ernste Sache, dieser von Bastian Kraft inszenierte „Tod eines Handlungsreisenden“. Klarer Fall von Chichi-Verbot. Tisch, Lampe, Stühle, ansonsten: leerer Raum. Vor allem eine leere Wand, der unendliche weiße Rundhorizont des Deutschen Theaters. Mehr Bühnenbild (Ben Baur) ist nicht. Das Licht kommt von vorn unten, erste Reihe Mitte, aus einem Beamer. Die Schauspieler stehen verloren herum in dieser Leere, flach- und blassgeleuchtet, scheinbar körperlos. Und nicht viel körperloser sind ihre Schatten, die umso größer sind, je näher die Spieler an die Rampe treten.

Der Beamer macht es möglich, dass unabhängig von der Realität auf der Bühne vorproduzierte Schatten an die Wand geworfen werden können. Mit diesem Trick wird veranschaulicht, wie sich in Willy Lomans Kopf immer mal wieder die Zeiten überlagern, wie sich vergangene Szenen mit gegenwärtigen mischen, wie sich die Schatten verselbständigen, zu Träumen zusammenrotten, durcheinanderrennen – bis ein Flackern die Bildstörung beendet.

Dieser Schatten-Trick saugt jegliche Atmosphäre aus dem Bühnenraum und macht ihn zu einem abstrakten Figurenmausoleum. Er verlangt dem Zuschauer einiges ab, weil er den gesamten 100-minütigen Abend lang diese ausgelaugte Schmucklosigkeit ertragen muss. Und erst recht ist er eine Zumutung für die Schauspieler. Sie sind der Leere schutzlos ausgeliefert und gleichzeitig angewiesen, besagtes Abstraktum mit Seelenleben zu erfüllen.

Ulrich Matthes in der Hauptrolle zum Beispiel macht das mit einer zwar erwarteten, aber doch immer wieder auch bewundernswerten Qualität, die dummerweise die inszenatorische Grundidee überflüssig macht. Er mag durch das Bleichlicht und auch von der Akustik des leeren Raumes noch soweit vom Zuschauer weggerückt sein: In seinem kunstvoll desorientierten Blick kann man sehen, wie er heimgesucht wird von den Schatten, Erinnerungen und Zukunftsängsten. Sie noch einmal an der Wand zu sehen, ist eine eigentlich unnötige, rein dekorative Verdopplung – die das Wesentliche zu überbieten versucht. Das ist dann doch: Chichi.

Aber gut, Konzept verstanden, der Regisseur ist jung, Jahrgang 1980, und er hat Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert. Dass es überhaupt zu Schauspiel, also zu Figurendarstellung im herkömmlichen Sinne kommt, ist da nicht unbedingt sicher – sein DT-Dürrenmatt-Abend „Der Besuch der alten Dame“ wird vergleichsweise knallig, als ironisches Musical per- und verformt. Also Schwamm drüber. Es bleibt immer noch genug an diesem Abend, das den Zuschauer packt. Das 1949 uraufgeführte, viele Male verfilmte Arthur-Miller-Stück ist gut zusammengestrichen und aus seiner inzwischen historischen Gegenwart – der US-amerikanischen Depression in den Dreißigern – in Richtung Zeitlosigkeit transponiert worden. Das unwürdige Frauenbild, aber auch die pathetische Kraft blieben erhalten. Die Dialoge kippen schnell, fast hastig und vorgeblich unabwendbar in den Konflikt.

Schuld ist die bis zur Unzurechnungsfähigkeit reichende Verbohrtheit des Vaters, der wider alle Erfahrung und ungebrochen von irgendwelchen Selbstreflexionen an den amerikanischen Traum glaubt, und damit sich selbst, seine Frau Linda (Olivia Grigolli) und seine Söhne tyrannisiert: den einen, Biff (Benjamin Lillie), erdrückt er mit seinen Erwartungen, den anderen, Happy (Camill Jammal), ignoriert er auf geradezu verächtliche Weise. Die Jungs wiederum tragen zum seelischen Niedergang bei, indem der eine die Illusionen des Vaters zerschlägt und der andere sie kittet: Wahrheit und Lüge – als gäbe es nichts dazwischen. Gerade als Handelsreisender, also als jemand, dessen Beruf es ist, Dinge zu verkaufen und aus der Differenz von Schein und Sein seinen Mehrwert zu schlagen, dürfte doch, was den eigenen Wert angeht, nicht so leicht übers Ohr zu hauen sein. Nun Willy Loman mag sich verspekuliert haben, aber er kann doch rechnen, er weiß, was eine Bilanz ist. Einnahmen und Ausgaben. Er zieht die Konsequenz, als er am Ende seines Traums angekommen ist. Er wacht auf und stirbt. Ein stiller Abgang. Viel Applaus.

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