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Theater Wer mit „Macbeth“ ins Auto steigt, rast gegen die Wand

Amir Rezar Koohestani befragt Shakespeares Stück an den Münchner Kammerspielen.

Theater
Unter den Glücklosen: Walter Hess, Mahin Sadri. Foto: Thomas Aurin

Wenn sauber, dann richtig: Dr. Beckmann Fleckenteufel sind seit Jahrzehnten bewährt, auch im Theater. Walter Hess tritt als „Blutiger Mann“ vors Publikum zu Beginn des Premierenabends von „Macbeth“ in den Münchner Kammerspielen. „The Scottish Play“ ist ja bekannt als ein Fest für den Fleckenteufel der Kategorie „Blut und Eiweißhaltiges“ (nicht geeignet für Leder und Kaschmir). Hess empfiehlt also den Fleckentferner, da es in den folgenden gut eineinhalb Stunden zu einschlägigen Verschmutzungen kommen könne. Schmunzeln im Publikum. Doch am Ende der stark verdichteten Shakespeare-Reflexion von Amir Reza Koohestani ist klar, dass hier eine falsche Fährte gelegt wurde. 

Denn der iranische Regisseur, der seine dritte Produktion an den Kammerspielen in der Ära Lilienthal vorlegt, nutzt ein zentrales Werk der europäischen Literatur, um eigene Fragen aus der Perspektive eines Nicht-Europäers zu stellen. Was tun mit „Macbeth“ heute? Dem bösen Spiel seinen Lauf lassen und den Gewaltrausch auch ästhetisch noch verstärken, wie das Michael Thalheimer gerade in Berlin gemacht hat? Koohestani wählt einen anderen Zugang. 

Eine weiß geflieste Herrentoilette mit formschönen Urinalen als Teil des Drehbühnenelements von Mitra Nadjmabadi bildet das Zentrum des Spiels im Spiel: Macbeth (Christian Löber) ist ein Schauspieler im Hier und Jetzt, der nach der Kündigung des Regisseurs eine Woche vor der Premiere nicht nur die Hauptrolle spielen, sondern nun auch noch den weithin bekannten Klassiker inszenieren soll. Die Rolle der Lady Macbeth ist bereits mit einer ausdrucksstarken Spielerin besetzt (wahnsinnig eindringlich überdreht und gleichzeitig konzise Gro Swantje Kohlhof), der Neu-Regisseur möchte aber seine persisch sprechende Ehefrau (widerspenstig und in sich ruhend Mahin Sadri) in dieser Rolle sehen und setzt das auch durch. Die eben erwähnte Herrentoilette ist der kommunikative Treffpunkt der Theaterdarsteller. Direkt daneben das ebenfalls weiße, heimische Badezimmer des herausgeforderten Schauspielerehepaars: So weit das reichlich artifizielle Basis-Setting des verkopften und anregenden Abends. 

Wer auf eine Durchdeklinierung der Shakespearschen Akte gehofft hatte, wurde nicht nur enttäuscht, sondern gleichsam radikal auf einen Kern zurückgeworfen, auf das Leben als Tragödie und das mitleidlose Scheitern der Akteure: Wer sich mit „Macbeth“ in ein Auto setzt, rast folgerichtig und ohne Ausweg mit Vollgas gegen die Wand. 

In vielen kleinen Szenen begleiten die Zuschauer die Theatertruppe jenseits der Proben auf ihrem konfliktreichen Weg zur letztlich nicht stattfindenden Premiere, immer wieder gleiten dabei alltägliche Dialoge ins deutsch-englische Shakespeare-Land voller kalter Sprachkunst auf den digitalen Textlaufbändern auf und über der Bühne. Für Momente wird man gefangen genommen vom Zauber des Althergebrachten. 

Genau hier setzt das scharfe Messer Koohestanis an: Er orchestriert das Stück im Stück als anarchischen Vier-Sprachen-Chor mit arabischen, deutschen, englischen und Farsi-Elementen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden (und nicht selten wunderbar selbstironisch daherkommen). Glänzend gelingt es dem Kammerspiel-Ensemble Matthias Lilienthals, dem sich auch syrische Spieler angeschlossen haben, das Sprachen(des)integrationsgemisch aufzubereiten. Lustvoll konzentriert redet man ins Blaue, trifft manchmal ins Schwarze und manchmal weit daneben. 

Sprache konstruiert Wirklichkeit (die lange Zeit kolonialen Pfaden folgte). Klar. Dieser ganz und gar heutige Regisseur-Macbeth kann die sich oft widersprechenden, nicht harmonisierten Stimmen aus der gewalttätigen Gegenwart weltweiter Kriege und ökonomischer Unterjochung aber nicht kontrollieren oder in eine Richtung lenken. Und an der neuen Wirklichkeit zerbricht er. Oder ist das alles nur ein Traumbild? Wieso sind und bleiben die Urinale auf einmal blutverschmiert? Hat der Krieg doch Einzug ins Theater gehalten? 

„Der Fleck muss weg“ wispert völlig verwirrt die Erst-Besetzung der Lady Macbeth am Ende in Großaufnahme an der Bühnenwand. Doch dieser Fleck entsteht immer wieder neu: Blut fließt, solange wir leben. 

Wenn schon dreckig, dann richtig: Alle diesem Motto Verpflichteten kommen an diesem Abend zu kurz, bleiben ratlos zurück. „Come what come may, time and the hour runs through the roughest day.“ – „Komme, was kommen mag, die Stund’ und Zeit durchläuft den rausten Tag.“ 

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