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Theater Unter Unberechenbaren

Jonathan Fox inszeniert Ayad Akhtars beklemmenden Politthriller „The Invisible Hand“ im English Theatre

Ensemble Theatre Co. ? ?The Invisible Hand? dress 4/11/18 The New Vic Theatre Foto: David Bazemore

Ein halbes Jahr ist es her, da inszenierte Intendant Anselm Weber Ayad Akhtars Politthriller „The Invisible Hand“ in den Frankfurter Kammerspielen. Der gebürtige Münchner hatte das Stück des in New York geborenen Pulitzer-Preisträgers 2016 in deutscher Erstaufführung auf die Bühne des Bochumer Schauspielhauses und von dort aus mit an den Main gebracht.

Nun hat das English Theatre nachgezogen und zeigt in Koproduktion mit der Ensemble Theatre Company von Santa Barbara eine eigene Version in der Originalsprache. Regisseur setzt dabei auf Authentizität. Der von Charlie Corcoran kreierte Schauplatz des Geschehens ist ein Gefängnisraum mit kahlen, rissigen Wänden, einer einfachen Pritsche sowie Tisch und Stühlen. Ein vergittertes Fenster in Form eines Spitzbogens gibt den Blick nach draußen und auf den später von Bombardements in Feuerfarben getauchten Himmel frei, der Muezzin, der eben noch in der Dunkelheit zum Gebet rief, ist verstummt.

Drei pakistanische Rebellen haben den Amerikaner Nick Bright (John Tufts) hierher verschleppt. Es war eine Verwechslung, denn eigentlich sollte der Chef des Bankangestellten gekidnappt werden. Die stattdessen erwischte Geisel scheint wertlos, niemand wird für sie zahlen wollen.

Um sein Leben fürchtend, bietet Bright dem Anführer der Terroristen, Imam Saleem (Mujahid Abdul-Rashid), an, das geforderte Lösegeld von zehn Millionen Dollar selbst zu besorgen. Mithilfe dessen brutalen Handlangers Bashir (Jameal Ali) will er per Online-Börsengeschäften das vorhandene Eigenkapital bis zu der entsprechenden Summe vergrößern. Das erwirtschaftete Geld soll dem Wohl des Landes und seiner gebeutelten Bevölkerung dienen. Doch mit der Dollarzahl wächst auch die Gier der Beteiligten. Selbst die, die zu Beginn auf einer Seite stehen, können einander nicht mehr trauen.

Geschickt sind in die Handlung die Grundlagen des Finanzmarktes eingeflochten. Sogar Brights einfach gestrickter, aber allen Befehlen gehorchender Wärter Dar (Sarang Sharma) versteht das Prinzip. Doch allein auf den Handel mit Weizen und anderen Gütern will sich der Entführte nicht verlassen, er kratzt sich mit einer Nagelschere einen Weg in die Freiheit. Der gescheiterte Fluchtversuch, nach dem der Eingefangene mit einem Fuß in seinem Kerker angekettet wird, die Unberechenbarkeit seiner Gegner und deren tief sitzender Hass auf den Westen, der bei dem in London aufgewachsenen und diskriminierten Bashir sehr persönliche Ursachen hat, sorgen für beklemmende Spannungsmomente. So nah bewegt sich die Geschichte am aktuellen Zeitgeschehen, so realistisch, obgleich nicht ohne eine Prise Humor, stellen die vier Schauspieler die Charaktere dar.

Das Stück, alles andere als verdauliche Kost, wird in kleine Häppchen geteilt, in kurzen, aber umso eindringlicher wirkenden Szenen nehmen die Ereignisse ihren Lauf. Am Ende wird es der mit bemerkenswerter Auffassungsgabe gesegnete Schüler sein, der die Macht an sich reißt und seinem hilflosen Lehrer vorführt, wie weit man es ohne Skrupel in seinem Business bringen kann. Das Opfer ist frei, aber längst zum Täter geworden.

 

English Theatre Frankfurt: bis 6. Juni. www.english-theatre.de

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