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Theater-Skandal Die volle Wucht der Provokation

Die vierminütige Toneinspielung eines zwei Jahre alten Textes von Elfriede Jelinek führt im Düsseldorfer Theater zu einem Eklat. Jelineks Text "Rechnitz" lehnt sich an den Fall des "Kannibalen von Rotenburg" an.

12.10.2010 16:36
Stefan Keim
Irgendwo im Zuschauer steckt das Verlangen, dabei zu sein: „Rechnitz (Der Würgeengel)“ in Düsseldorf. Foto: Sebastian Hoppe

Die Zuschauer sind wütend. „Aufhören!“ rufen die einen, andere schimpfen vor sich hin. 70 Prozent des Publikums verlassen kurz vor Schluss die zweite Aufführung von Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ im Central, einer Spielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses. Im Foyer steht die Regieassistentin. Sie war in einer Szene auf der Bühne, Zuschauer erkennen sie. Einer bemitleidet die junge Frau, weil sie bei so etwas Schrecklichem mitmachen müsse. Sie sei stolz auf die Aufführung, sagt sie. Darauf wird sie von dem älteren Mann angespuckt.

Weder Nacktheit noch eine Blutorgie hat die krassen Reaktionen ausgelöst, sondern eine vierminütige Toneinspielung. Elfriede Jelinek lehnt sich an den Fall des Kannibalen von Rotenburg an, dessen Opfer sich freiwillig essen ließ und dabei Lust empfinden wollte. In einem intimen Dialog unterhalten sich die beiden detailliert über die zu verspeisenden Körperteile, es bekommt etwas Sexuelles. Natürlich ist das pervers und geschmacklos. Eben das ist ein zentraler Punkt in Jelineks Stück, sie will die Bestie Mensch zeigen, ohne Flucht ins Moralische, in die sichere Distanz des Betroffenheitsrituals.

Ein Massaker an jüdischen Kriegsgefangenen im März 1945 ist Grundlage des Textes. Hohe NSDAP-Funktionäre feiern ein „Gefolgschaftsfest“ auf einem Schloss beim Dörfchen Rechnitz, nahe der österreichisch-ungarischen Grenze. Aus Spaß erschießen und erschlagen sie die wehrlosen Menschen und feiern weiter. Die Russen brennen das Schloss später nieder, alle Spuren sind zerstört. Aber die Leichen und ihr Grab müssten noch zu finden sein. Trotz vieler Mühen fand sich kein Hinweis auf die Toten.

Jelinek fantasiert nun, dass die Leichen als Nahrung für die Überlebenden dienten, in der Not des letzten Kriegsjahres. Berichte, Spekulationen und Theorien legt sie Botenfiguren in den Mund, die in jelinekscher Rätselhaftigkeit voller Anspielungen Mosaiksteine zusammen tragen, die kein klares Bild ergeben, sondern Fragen aufwerfen.

Die Spur der Bestialität

Den Aspekt des Kannibalismus hat Jossi Wieler in seiner Uraufführung von „Rechnitz“ an den Münchner Kammerspielen an den Rand gedrängt. Er interessierte sich für die Botenfiguren, die Vielstimmigkeit der Erinnerung, die Unmöglichkeit, eine Wahrheit über vergangene Ereignisse zu rekonstruieren. Damit schuf er eine ästhetisch faszinierende Aufführung, drückte sich aber um das Provokationspotential des Textes. In Düsseldorf kommt er nun mit voller Wucht auf die Bühne.

Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer sucht nicht die intellektuelle Distanz, sondern rennt mit Jelinek immer wieder gegen die Unmöglichkeit an, Bilder zu entwerfen, eine Wahrheit zu finden. Die hervorragenden Schauspieler stellen auf einem Filmset die Naziorgie nach, mit schauderhafter Sinnlichkeit. Es geht nicht darum, sich erhaben zu fühlen. Irgendwo steckt im Zuschauer ein Verlangen, dabei zu sein. Um diese Spur von Bestialität im Betrachter geht es Schmidt-Rahmer, um die erschreckende Erkenntnis, kein unanfechtbarer Gutmensch zu sein. Als kurz vor Schluss eine Darstellerin eine Betroffenheitsnummer abzieht, wirkt sie einfach langweilig. Was Absicht ist.

Bisher werden Jelineks Stücke – mit Ausnahme der „Kontrakte des Kaufmanns“ als tagesaktuell begreifbarer Krisenkomödie – selten nachgespielt. Die berüchtigten Textflächen ohne Rollenverteilung und Handlungsfäden lassen sich nur von Regisseuren mit kraftvollem Personalstil bühnentauglich machen, so die Mär. So kennen wir eine tragikabarettistische Stemann-Jelinek, eine düster-poetische Wieler-Jelinek, etwas seltener Jelineks aus der Perspektive von Schlingensief, Castorf, Marthaler.

Schmidt-Rahmer zeigt eine neue Möglichkeit. Er ist ein Regisseur, dem eine große Formenvielfalt zur Verfügung steht, der sich auf die Ästhetik der jeweiligen Texte einlässt. Deshalb kommt Jelinek bei ihm überraschend pur rüber, wenn auch bearbeitet, durch kleine Improvisationen ergänzt. Das führt Jelineks manisches Anrennen gegen die Grenzen der Sprache und damit der Erkenntnis weiter. Sanft säuselt die großartige Janina Sachau ins Mikrofon, wie sich Leichenberge unter der Erde technisch am geschicktesten verstauen lassen. Die beiläufige Bemerkung, das sei die gleiche Technik wie das Planen einer Tourismusanlage, knallt wie ein Peitschenhieb. Das ist Jelineks Humor, bitter, schmerzhaft, mit viel Trauer hinter dem Grinsen. Ein Witz, der Erkenntnis aber keine Orientierung vermittelt.

Es bleibt die Wut, auf Täter, auf Opfer, auf sich selbst und das eigene Unvermögen, nicht weiter zu kommen in der Beschreibung der Welt. Eine Wut, die kaum zu ertragen ist. Vielleicht hat der Zuschauer, der die Regieassistentin angespuckt hat, die Bestie Mensch in sich gespürt. Vielleicht hat er, ohne es zu wollen, mehr von Elfriede Jelinek verstanden, als er gedacht hat.

Termine: Düsseldorf, Central: 28., 29., 30., 31. Oktober 2010
www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

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