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Theater „Schauspieler tragen jeden Abend ihre Haut zu Markte“

Der frühere Theatergeschäftsführer Ludwig von Otting spricht über die „lächerliche Mindestgage“, das Drama mit den Kulturausgaben und das Gejammer der Gemeinden.

Ludwig von Otting
Ludwig von Otting Foto: imago

Herr von Otting, künstlerische Beschäftigte am Theater benötigen einen besonderen Vertrag, bei dem der Konflikt zwischen künstlerischer Freiheit und sozialer Verbindlichkeit justiert werden muss. Was ist aus Ihrer Sicht so schlecht an dem „Normalvertrag Bühne“?
Es gibt hundert verschiedene Verträge, die nach den jeweiligen vermeintlichen Notwendigkeiten der Branche ausfallen. Ein Arbeitsvertrag muss alle Fragen des Arbeitsverhältnisses klären, unter Bezug auf einen Tarifvertrag. Geregelt werden muss die Arbeitszeit, das Arbeitsgebiet, die Bezahlung, um die wesentlichen Elemente zu nennen. Diese regelt der NV Bühne nicht. Er regelt nicht die Bezahlung, wenn man mal die lächerliche Mindestgage außer Acht lässt. Er befasst sich nicht mit dem Sozialschutz etwa für Schwangere. Und er regelt drittens nicht die Arbeitszeit: Er sagt kein Wort darüber, wie viele Stunden Arbeit ein Schauspieler pro Woche abzuliefern hat. Nichts zu Überstunden. Zu den Ruhezeiten heißt es: Zwischen Probe und Vorstellung müsse eine „angemessene Ruhezeit“ eingehalten werden. Aha.

Warum hat man es nicht hineingeschrieben? Und wer hätte dafür sorgen müssen?
Dass der deswegen viel gescholtene Bühnenverein nichts gegen solche Missstände unternimmt, ist sogar verständlich. Für einen Arbeitgeberverein ist so ein Vertrag, der nichts regelt, eine herrliche Sache. In anderen Gewerben würden sie vor Glück heulen, wenn sie solche Tarifverträge hätten. Die Stoßrichtung der Kritik müsste also zu denen gehen, die die Interessen der Arbeitnehmer schützen sollen, das wäre die GDBA, die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger. Sie hat lange nicht vermocht, auf diesen Gebieten irgendeinen nennenswerten Fortschritt zu erzielen. Inzwischen gibt es aber deutliche Anzeichen für ein Umdenken in der Gewerkschaftshierarchie – und damit doch die Hoffnung auf wirkungsvolle Zusammenarbeit.
 


Für das Protokoll: Seit Januar gilt eine neue, um sieben Prozent erhöhte Mindestgage von 1850 Euro…
Toll. Das entspricht, wenn Sie 45 Arbeitsstunden wöchentlich zugrunde legen, dem Mindestlohn, den man in Deutschland allen zahlen muss, egal ob Nachtwächter oder Lagerarbeiter. Schauspieler haben fast immer ein akademisches Studium hinter sich. Es ist eine krasse Ungerechtigkeit, wenn man vergleicht, wie Leute mit akademischem Hintergrund im Öffentlichen Dienst angestellt und bezahlt werden.

Bei Lehrern gibt es nach dem Studium auch eine Referendariatszeit, in der sie schlecht bezahlt werden…
Es gibt konstruktive Gespräche mit Vertretern der Intendantengruppe des Bühnenvereins. Es ging dabei auch um eine solche Einstiegsgage für Schauspieler. Dass man die ersten beiden Jahre am Theater zu einer Art Ausbildungszeit erklärt und magerer vergütet – wobei 2000 Euro die Schmerzgrenze sind –, das finde ich vertretbar. Aber dann muss man die Leute wie erwachsene Menschen behandeln und entsprechend bezahlen. Es gibt einfach diese skandalösen Fälle: Leute, die über vierzig sind, Kinder haben, in einem deutschen Theater arbeiten und 1850 Euro Gage bekommen. Brutto. Das regt mich auf.

Hätten Sie nicht in Ihrer Position am Theater etwas verändern können?
Die Frage kriege ich oft zu hören, ich beantworte sie gern. Ich habe das Problem in dem Ausmaß während meiner Theaterarbeit nicht gesehen. Ich habe mit Intendanten und an Theatern gearbeitet, wo ich sehr wohl in der Lage war, für eine größere Gagen-Fairness zu sorgen. Ich habe mich – verwerflicherweise – nie damit beschäftigt, was ein Schauspieler zum Beispiel in Oldenburg verdient. Aber gewundert habe ich mich schon, dass den Schauspielern eine vernünftige gewerkschaftliche Vertretung fehlt. Es gab Rückschritte im Tarifbereich, über die ich nur den Kopf schütteln konnte. Dass da kein Aufschrei durch die Belegschaft ging, lag daran, dass die nicht organisiert sind. Das habe ich immer beklagt. Und so kam ich zum Ensemble.Netzwerk. Da war endlich die nötige Initiative. Eine Schauspielerin aus Oldenburg rastet aus und macht los. Da habe ich zu ihr gesagt, darauf warte ich eigentlich schon seit 20 Jahren. Weißt du was, ich helfe dir.

Eine andere soziale Härte ist die Möglichkeit, dass Schauspieler jederzeit „aus künstlerischen Gründen“ den Arbeitsplatz verlieren können.
Als ich anfing zu arbeiten, ging es den Schauspielern generell besser. Für uns war es damals Konsens, dass die Künstler zwar nur Zeitverträge haben, mit dem Risiko, dass sie rausfliegen können, dass sie dafür aber doch deutlich besser verdienen als die anderen. Man kann so etwas ja wollen, nach dem Motto: Augen auf bei der Berufswahl. Das muss man so handhaben, weil es nun einmal solche künstlerischen Gründe geben kann und damit die Möglichkeit bestehen muss, jemanden nicht zu verlängern. An dieser Flexibilität rüttle ich nicht.
 


Mit der sozialen Unabgesichertheit argumentieren Intendanten für ihre Gehälter.
Ich habe nichts dagegen, dass Intendanten gut verdienen. Wir reden hier nicht von Millionengehältern und nicht von VW. Intendanten werden im Verhältnis zu anderen Managern in unserem Lande genauso beschissen bezahlt wie die Schauspieler im Verhältnis zu anderen Angestellten. Über Intendantenjahresgagen, die bei 140 000, ausnahmsweise auch mal über 200 000 Euro liegen, habe ich mich nie aufgeregt. Ich habe auch ziemlich gut verdient als Kaufmännischer Direktor, aber ich habe auch über 60 Stunden im Theater gehockt und war verantwortlich dafür, einen Millionenetat zu verwalten, sauber abzuliefern und gerecht zu verteilen. Wenn ich als Anwalt nur halb so gut gewesen wäre, hätte ich das Fünffache verdient.

Können Sie die Mehrkosten beziffern, die sich ergeben würden, wenn man die Künstlerausbeutung einstellt?
Kann ich nicht. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie viele Überstunden an deutschen Theatern gemacht werden und wie viele Stellen man bräuchte, um die auszugleichen. Aber ich kann gern mal eine Rechnung aufmachen: Nehmen wir die Schauspieler. In den öffentlich geförderten Theatern Deutschlands arbeiten knapp 2000 Schauspieler in den Ensembles. Wenn man davon ausgeht, dass von denen die Hälfte ungerecht bezahlt wird – eine willkürliche Zahl, egal. Wenn jeder von diesen 1000 Leuten plötzlich, nach Erscheinen einer weißen Fee, tausend Euro mehr im Monat bekäme, wären das bei 13 Gehältern: 13 Millionen Euro im Jahr. Auf die ganze Republik verteilt. Um die Größenverhältnisse zu illustrieren: Wenn Verdi drei bis vier Prozent mehr für ihre Klientel herausschlägt, da sind wir bei über eine Milliarde.

Hat die immer schlechtere Finanzierung der Theater etwas mit zunehmender Missachtung zu tun?
Kulturausgaben sind freiwillig. Woanders können die Stadtkämmerer kein Geld sparen. Umso wichtiger ist es, sich selbst Anerkennung zu verschaffen. Man muss die eigenen Bedürfnisse formulieren und vertreten. Die Schauspieler haben keine solche Vertretung, zumindest keine wirkungsvolle. Dass sich die künstlerischen Leistungen und die gesellschaftliche Bedeutung von Theater von selbst erklären – das halte ich für wünschenswert, aber extrem unrealistisch.

Muss man Theater schließen, damit an den anderen die Schauspieler angemessen bezahlt werden können?
Da verweise ich zunächst noch einmal auf besagte 13 Millionen und hebe dann meinen Zeigefinger an die Schläfe. Theater sind Aushängeschilder in den Städten und Kommunen. Wenn man wegen einer halben oder auch ganzen Million das Theater schließen würde, bewirkt das einen riesigen Wertverlust. Selbst Stadtkämmerer zeigen sich gern im Theater. Kein Stadtmarketingkonzept kommt ohne den Hinweis auf das rege Kulturleben aus. Schauen Sie nach Hamburg und zu den schnell verwundenen Millionen Mehrkosten für die Elbphilharmonie.

Und was ist, wenn man in die Provinz schaut…
Man kann nicht die Würde der Künstler beschneiden, weil es sonst zu teuer wird. Das ist inhuman. Denken Sie an die Mindestlohn-Debatte. Was wurde da seitens der Arbeitgeber gejammert: Das Baugewerbe, das Taxigewerbe, das Verlagswesen, alles würde eingehen. Und? Nichts ist eingegangen. Das ist der ewige Aufschrei der gebeutelten Kapitalisten. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Kinderarbeit abgeschafft wurde, klagte der Bergbau, dass er unter diesen Bedingungen nicht wirtschaften könne, weil Erwachsene zu groß seien, um in seinen Stollen zu arbeiten. Selbst wenn die eine oder andere Mine pleitegegangen sein sollte – wäre das rückblickend ein Argument für Kinderarbeit? Ich mag über diesen Quatsch gar nicht reden, über 13 oder auch 20 Millionen in einem Land, das gerade einen 24-Milliarden-Überschuss erzielt hat. Wenn eine Gemeinde der Meinung ist, dass die Schauspieler, die allabendlich ihr Gesicht zeigen und ihre Haut zu Markte tragen, unterbezahlt werden müssen, weil sie sich sonst das Theater nicht leisten kann – dann soll sie dran ersticken.
 
Interview: Ulrich Seidler

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