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„Theater Prozess“ Grundmuster des Terrors

Der Abend „Adler.Werke.Katzbach“ erinnert im Frankfurter Gallus Theater an die NS-Geschichte des Gebäudes.

Erinnerungen an schreckliche Ereignisse hält man sich gern vom Leib. Zwanzig Jahre hat das Gallus Theater Frankfurt dies in den eigenen vier Wänden erlebt. Hier, wenige Meter von der heutigen Bühne entfernt, hatten gegen Kriegsende KZ-Häftlinge Zwangsarbeit geleistet. Hunderte Menschen waren hinter den Mauern, wo seit 1998 Theaterstücke gezeigt werden, unter grausamen Torturen gestorben.

Dieser Teil der Geschichte blieb lange Zeit im Dunkeln. Erst 1985 bemerkten Schüler bei eigenen Recherchen, dass Akten vernichtet und Opferzahlen geschönt worden waren. Regisseur Ulrich Meckler hat die Geschichte des Konzentrations-Außenlagers, das unter dem Decknamen „Katzbach“ von August 1944 bis März 1945 in den Adlerwerken bestand, jetzt am historischen Ort selbst zum Thema gemacht. Sein neues Stück „Adler.Werke.Katzbach“, das die Initiative „Theater Prozess“ realisiert hat, nähert sich umsichtig der Geschichte des stattlichen Gebäudes, auf dem in großen Lettern weithin sichtbar der Name „Adlerwerke“ prangt. Das Stück basiert auf Recherchen von Ernst Kaiser und Michael Knorn, die über Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Vernichtung unter dem Titel „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten“ 1998 eine Firmenmonografie publizierten.

Meckler versucht in seinem Stück nicht, ein rein dokumentarisches Bild zu erzeugen. Er nutzt zwar Geschäfts- und SS-Berichte sowie Aussagen von KZ-Überlebenden, führt diese jedoch zu einem eigenen poetischen Gesamtwerk zusammen. In elf Sequenzen hat Meckler darin Grundmuster des Terrors erkennbar gemacht. Hunger, kalkulierte Auszehrung und brutale Gewalt werden durch Worte und Klänge evoziert, indem die mitwirkenden Schauspieler Edgar M. Böhlke, Iris Reinhardt Hassenzahl, Nicole Horny, Ilja Kamphues und Birgitta Schirdewahn von großen Blättern Textpassagen wie Partituren sprechen. Parallel erklingen von Oliver Augst erzeugte, sich unberechenbar wandelnde Geräusche. Anfangs glaubt man, eine Übersteuerung hätte sich in die Tonanlage eingeschlichen, es brummt und kratzt im Hintergrund, die Komfortzone der über den ganzen Raum verteilten Zuschauer bzw. Zuhörer ist akustisch erheblich beeinträchtigt.

Entspannung verschaffen zwischen diese Text- und Tonblöcke geschobene Musikpassagen, die Gerhard Müller-Hornbach eigens für die Inszenierung komponiert hat. Diese von Beate Jatzkowski eingespielten „Variationen für Akkordeon“ zählen zu den Höhepunkten des Abends. Sie bilden in dieser Inszenierung das musikalische Gegengewicht zur kalten Befehlswelt, die am Ende stärker nachklingt, als das vorsichtig formulierte Leid der Opfer.

Lange hat man darauf gewartet, dass dieser Teil der Geschichte des Frankfurter Traditionsbetriebs auch mit den Mitteln des Theaters erzählbar wird. Mit dem Stück „Adler.Werke.Katzbach“ hat Ulrich Meckler dazu beigetragen, die Erinnerung an die Gräuel auf poetisch verfremdete Weise wach zu halten.

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