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Theater Oh là là au Cabaret

Frankfurts English Theatre bringt das legendäre Musical fantasievoll verrückt und frivol auf die Bühne.

English Theatre
Es geht rund. Foto: Martin Kaufhold

Das English Theatre Frankfurt warnt seine Besucher am Eingang vor seiner neuesten Produktion, dem Musical „Cabaret“. Das Stück enthalte Kraftausdrücke, es kämen Drogen und nackte Haut darin vor, und außerdem werde auf der Bühne geraucht. 

Nun mag es Besucher aus dem amerikanischen Mittelwesten vielleicht tatsächlich schockieren, in ein Musical hineinzustolpern, das kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in der damals wohl freizügigsten Stadt der Welt spielt, Berlin, wo Männer Männer und Frauen Frauen küssen, die Kostüme im berüchtigten Kit Kat Klub tatsächlich sehr, sehr knapp sind (Entwurf: Simon Kenny) und auf der Bühne wirklich viel geraucht wird. Ob auch vor 14 Jahren, bei der letzten Inszenierung von „Cabaret“ hier im Haus, schon vor schlimmen Sachen gewarnt worden ist? Die Zeiten ändern sich. 

 Nun dürfte die allerwenigsten Frankfurter Besucher das wilde Treiben bei „Cabaret“ sonderlich erstaunen, die Warnung geht bei ihnen vermutlich ins Leere. Läuft doch gerade, oh là là, die vielbeachtete Serie „Babylon Berlin“ in der ARD. Sie spielt im Jahr 1929, demselben Jahr, in dem auch der naive junge Schriftsteller Clifford Bradshaw (Ryan Saunders) aus den USA mitten hineingerät in den Trubel eines Cabarets. 

Die Frankfurter Inszenierung von Regisseur Tom Littler deutet nur an, wohin die Reise gehen wird. Es ist auch nicht nötig. Kein Besucher dürfte das Ende der Geschichte nicht kennen: Krieg, Holocaust, Zerstörung. 

Im English Theatre ist alles großartig gespielt, fantasievoll in Szene gesetzt, manchmal so verrückt wie ein Kabarett der Zwanziger Jahre, eine Dreigroschenoper, wild, bunt, frivol, und doch voller stiller Momente. Und, das ist ein seltsamer Effekt, „Cabaret“ wirkt bei all dem so viel authentischer als das ganz neue Fernsehdrama „Babylon Berlin“.

Kaum in Berlin angekommen, macht Cliff Bekanntschaft mit dem obskuren Schieber Ernst Ludwig, findet ein Pensionszimmer bei dem ältlichen Fräulein Schneider (fabelhaft: Sarah Shelton), landet im besagten Kit Kat Klub, wird von Frauen wie Männern abgeknutscht und schließt Freundschaft mit der Nachtclubsängerin Sally Bowles. Das alles geschieht in rasantem Tempo in einem eindrucksvollen, wandelbaren Bühnenbild (ebenfalls Simon Kenny), das einmal Bahnhofshalle, einmal armselige Pension oder Nachtclub sein kann. Die Live-Band spielt im Waggon, wird mal gezeigt, mal hinter milchigen Scheiben versteckt, auf ihm turnen die Nachtclubtänzer und die Voyeure – niemals ist eine der Figuren wirklich alleine. Jeder wird beobachtet. 

 Fünf Hauptpersonen kreisen umeinander: Der Conférencier Emcee, wunderbar wandelbar gespielt von Greg Castiglioni, der Schriftsteller, seine Zimmerwirtin Fräulein Schneider und deren Verlobter Herr Schultz (zerbrechlich und sanft: Richard Derrington) und natürlich Sally Bowles, die die junge Helen Reuben großartig verkörpert. Sally ist das Luder, die Liebenswerte, die Versponnene, Verträumte, Verrückte, und Reuben spielt und singt das alles so überzeugend, vergießt Tränen über Abschied und Versagen. Der Lidschatten zerfließt in schwarzen Bahnen.
 Doch so fabelhaft die junge, schöne Sally Bowles ist, sie hat in Littlers Frankfurter Inszenierung starke Konkurrenz von zwei alten Leutchen, Fräulein Schneider und Herrn Schultz. Deren tragische Liebesgeschichte tut mehr weh als die Schmerzen, die Sally und Cliff leiden müssen. Denn für die wird es neue Liebeleien geben. 

Er habe sich Fräulein Schneider als eine Brecht’sche Mutter Courage vorgestellt, „eine Courage, die liebt“, sagt Littler. Bei der Uraufführung von „Cabaret“, 1966 in New York, übernahm übrigens Schauspiellegende Lotte Lenya, Witwe von Kurt Weill, die Rolle von Fräulein Schneider. 

Selten dürfte auf der Bühne des English Theatre so viel Deutsch gesprochen werden wie in dieser Inszenierung. Es gibt sogar in bester Friedrich-Hollaender-Manier einen Song auf Deutsch, gesungen auf dem Dach des Eisenbahnwaggons, der das Bühnenbild dominiert. Am Ende wird er davonfahren, im Kit Kat Klub sind nun die Stühle hochgestellt. „The party is over – die Party ist zu Ende“, sagt Cliff. Es wird das Motto seines Romans werden.
 
English Theatre Frankfurt: bis zum 10. März 2019. www. english-theatre.de

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