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Theater Lenins Tod - ein zäher Abend

Milo Rau inszeniert den Tod einer Utopie als zähen Naturalismuswitz: „Lenin“ in der Berliner Schaubühne

Fotoprobe zum Stück "LENIN"
Die Schauspielerinnen Ursina Lardi (links) und Nina Kunzendorf bei der Fotoprobe des Theaterstücks „Lenin“ in der Schaubühne in Berlin. Das Stück feiert am 19. Oktober 2017 Premiere. Foto: dpa

An Zähigkeit lässt dieser Abend nichts zu wünschen übrig. Diesbezüglich kann er es mit dem reichlich verwendeten Bart- und Glatzenkleber aufnehmen oder mit einem Eimer Mumifizierwachs. Was zum Thema passt: „Lenin“ von Milo Rau hatte in der Schaubühne Premiere. Zwei Stunden kreist die von Anton Lukas und Silvie Naunheim ausgestattete Drehbühne und erlaubt lange Einblicke in die originalgetreue Einrichtung. Dies ist bis auf die acht mal acht Zentimeter starken Portalpfosten, die Badfliesen und den obligatorischen Samowar die Datscha, in der der 53-jährige Wladimir Iljitsch Uljanow seinem Ende entgegendämmert. Am 21. Januar 1924 um 4.23 Uhr trat der Tod ein.

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution, die vor einhundert Jahren ihren Anlauf nahm, um die Welt vom Joch der Unterdrückung zu befreien, verlor ihren Führer, war aber als Utopie schon längst gestorben. Was der Tragödie folgte, war ihre Fortsetzung als mörderische Farce mit Stalin am Ruder des Terrors und der Bürokratie.

In der Schaubühne wird dieser Moment nun in einem zugleich konstruierten, ikonografischen und hypernaturalistischen Reenactment herausgezögert, als gelte es, in einem hypnotischen Exerzitium irgendwelche längst vergessenen Ideale auszutreiben oder ihren Verlust zu sühnen. Womit hat das wohlanständige, bürgerliche, von der Geschichte weitgehend verschonte Theaterpublikum solche Strafmaßnahmen verdient? Stehen sie vielleicht im Zusammenhang mit Peter Steins Tschechow-Inszenierungen? Soll sein „Kirschgarten“, der sich in dem Theater und seinem Publikum festgesetzt hat, mit eigenen Waffen ausgetrieben werden? Als irgendwas muss die Tortur doch gemeint sein. Als Widerstandstest?

Schließlich haben wir es bei dem 40-jährigen Schweizer Theatermacher Milo Rau mit jemandem zu tun, der seinem Publikum sonst nicht nur viel nötige Gedankenarbeit verschafft, sondern es auch mit einem theoretischen und distributiven Apparat einschüchtert und mit seinem Kunstanspruch überwältigt.

Seine Themen sind ausgesucht heikel und finster: Völkermord, Bürgerkrieg, Missbrauch, Terrorismus. Er arbeitet mit wuchtigen dokumentarischen Spektakeln, provoziert und unterminiert hochintelligent und unerschrocken Behörden, Politik und Justiz. Er bestimmt die Diskurse des Theaterbetriebs, ob er nun Schwarzafrika mit seinem „Kongo-Tribunal“ zu Hilfe eilt, ob er in dem Kindermörderstück „Five Easy Pieces“ Kinder besetzt, mehrtägige juristische Prozesse durchführt oder demnächst mal eben eine globale weltproblemlösende Generalversammlung in der Schaubühne einberuft, die den Untertitel trägt: „Demokratie für alle und alles“.

Berühmt wurde er 2009 mit einem protokollarischen Reenactment über die Verurteilung und Erschießung der Eheleute Ceausescu. Nun also muss Lenin sterben, und zwar in Gestalt von Ursina Lardi, die sich im Verlauf des Abends von der blonden Frau, die sie ist, in den sabbernden, schlaganfallgebeutelten Glatzkopf verwandelt und hierbei umstanden und umsessen wird von historischem Personal in museumswürdigen Kostümen, die sehr langsam fußnotenverbürgte Kernsätze hersagen, wenn sie nicht gerade Sprechpausen aushalten – alles auch in Großaufnahmen auf der Leinwand im Detail nachzuvollziehen: Kay Bartholomäus Schulze als Lenins Leibarzt darf zu Beginn noch als DDR-Kind seine Distanz zum Thema ausdrücken, muss dann aber Lenin, also seiner Kollegin, das Fieberthermometer in den After schieben.

Felix Römer als Trotzki – seines Zeichens auch Theaterkritiker – erinnert sich an die Uraufführung von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in Wien und lässt sich von seinen Erinnerungen zu einer extemporierten Onanierszene fortreißen. Abscheu auf verbaler Ebene erzielt Lukas Turtur als Tschekist der ersten Stunde, wenn er fies lachend beschreibt, wie man einen Menschen entdarmt.

Der Bühnenrückkehr von Nina Kunzendorf, die zuletzt vor allem gedreht und nach fünf Tatort-Folgen die Rolle als TV-Ermittlerin Conny Mey niedergelegt hat, ist betont unglamourös. Sie muss Lenins Gattin Krupskaja aussitzen und hat ihren intensivsten Moment, als Damir Avdic als Stalin ihr seinen Wunsch kundtut, Lenin einbalsamieren zu lassen und ihr dabei brutal ins Gesicht fasst und daran zieht, als prüfe er die Echtheit einer Maske, aua.

Der Abend endete mit langem, teils begeistertem Applaus, der bei nicht wenigen im Saal die dickflüssige Konsterniertheit zementierte.

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