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Theater Kopf, Stimme, Körper

Das Tanztheater „Kirina“ repräsentiert auf der Ruhrtriennale eine Generation afrikanischer Künstler, die die Geschichte des Kontinents neu deutet.

Theater
Die koloniale Vergangenheit abschütteln. Foto: Paul Leclaire

Im malischen Kirina fand 1235 die Entscheidungsschlacht zwischen dem Ghana-Reich und dem zum Islam übergetretenen Volk der Malinké statt, der siegreiche Soundjata Keita ließ als Mansa (König der Könige) das Reich Mali aufblühen und befreite Sklaven. Dieses Nationalepos trugen die Griot mit ihren Erzählungen und Gesängen durch die Jahrhunderte und die ein Jahr nach dem Sieg zeitgleich mit der englischen „Magna Charta“ entstandene Manden-Charta „Kouroukan Fouga“ erklärte die Unesco jüngst zum Kulturerbe der Menschheit.

An diese in Europa kaum bekannte große Vergangenheit Afrikas erinnert das Tanztheater „Kirina“, das jetzt im Rahmen der Ruhrtriennale in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel aufgeführt wurde. Entstanden ist das anderthalbstündige Stück in Bobo-Dioulasso (Burkina Faso), in der malischen Hauptstadt Bamako und in Brüssel, wo der Choreograf Serge Aimé Coulibaly überwiegend lebt. Die Musik steuerte die politisch engagierte Sängerin und Komponistin Rokia Traoré bei, das knappe Libretto stammt von Felwine Sarr, einem der bekanntesten Intellektuellen des Kontinents, der gerade mit der Kunsthistorikern Bénédicte Savoy die Restitution kolonialer Raubkunst konzipiert, die Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in die Wege leiten will.

Musiker ist Sarr ebenfalls. Die drei gehören – wie Kopf, Stimme und Körper – zu der Anfang der 70er Jahre geborenen Generation, die den kolonialen Blick auf Afrika abschütteln und eigene Traditionen beleben wollen. Coulibaly war letztes Jahr mit seinem Stück „Kalakuta Republik“ (über den nigerianischen Sänger Fela Kuti) erfolgreich, Sarrs Buch „Afrotopia“ (2016) erscheint demnächst auch auf deutsch, Traoré ist auf den großen Bühnen der Welt zu Hause. Ihre Musik, vorgetragen von Naba Aminata Traoré und Marie Virginie Dembélé, riss das Publikum mit, genau wie die filigrane Akrobatik des multiethnischen, in rotes Licht getauchten Faso Danse Théâtre, dessen Ensemble über die ganze Welt verstreut lebt, flankiert von gut dreißig hiesigen Komparsen aller Alters- und Gewichtsklassen, deren Rolle nicht immer klar wurde.

Um das Stück zu verstehen, muss man wissen, dass König Soundjata gehbehindert war und er viel Kraft aufwenden musste, um sich und sein Volk in Bewegung zu setzen. En marche ist das Leitmotiv: der schwere Weg Afrikas in eine bessere Zukunft. Das Thema Migration, das die ganze Ruhrtriennale durchzieht, ordnet „Kirina“ als Metapher der weltweiten Völkerwanderungen ein. Im Gespräch mit der FR verweist Coulibaly auf die Mythologie anderer Völker wie die „Odyssee“. Und er denkt stets diejenigen mit, die heute weit weg von Kirina gestrandet oder angekommen sind: Afrikaner in Ceuta und Melilla, Syrer und Afghanen in der Türkei und Jordanien.

Dass das arme Mali die meisten vor den Dschihadisten im Norden Geflüchteten selbst aufgenommen hat, entgeht dem erregten Flüchtlingsdiskurs im reichen Norden. Und dass sich afrikanische Länder nun an die Investoren aus China halten, stört Coulibaly kein bisschen. Neokolonial? Vielleicht, aber immer noch besser, als nur auf Franzosen und andere Europäer angewiesen zu sein.

Für Sarr war der Import der liberalen Demokratie ein Fehlschlag; dem ist kaum zu widersprechen. Im Palast über Bamako residiert weiter ein Gerontokrat, der die Kontrolle über große Teile seines Landes verloren hat und die Massenemigration als Ventil innerer Opposition nutzt, im Parlament ist die Geschäftssprache Französisch, mit der neun von zehn Maliern nicht vertraut sind.

„Afrotopia“ setzt die Vision einer an die imperiale Vergangenheit und das Sozialkapital der lokalen und religiösen Gemeinschaften anschließenden Form der Demokratie entgegen. Wie die genau aussehen soll, weiß auch Coulibaly nicht, aber er setzt auf die Jungen, die über soziale Medien vernetzt sind und sich nichts mehr vormachen lassen.

„Kirina“ lässt vom ersten Bild und Akkord an aufscheinen, welche Kraft in dieser Hoffnung steckt, der befreiende Aufbruch wird körperlich so nachvollziehbar wie die Hemmungen, die immer wieder im Weg stehen.

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