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Theater Junggebliebene Jahrgänge

Ehen und Ehebrüche, Karrieren und Todesfälle, Betrug und Verdrängung: Das Schauspiel Stuttgart zeigt Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ und „Glückliche Tage“ mit Franziska Walser.

Ehen in Philippsburg
„Ehen in Philippsburg“: Abak Safaei-Rad, Felix Klare, Verena Wilhelm, Manja Kuhl, Svenja Liesau (v. l. n. r.). Foto: JU

Dass Martin Walsers Roman „Ehen in Philippsburg“ jetzt als Theaterstück im Stuttgarter Schauspielhaus gezeigt wird, ist nicht das friedliche Ende eines Zwists, sondern die Fortsetzung einer an sich erstaunlich wohlwollenden Beziehung. Auch wenn die Schauspielerin Sandra Gerling zwischenzeitlich nicht ständig Philippsburg mit Stuttgart verwechseln würde, wüsste doch jeder hier, welche Stadt der 29 und dann 30 Jahre alte Autor vor Augen hatte, als er seinen Debütroman schrieb. Aber dem jungen, frechen Menschen gelang 1957 das Kunststück, jung und frech zu sein und doch keinen Skandal hervorzurufen, lediglich eine mittelgroße und verheißungsvolle literarische Sensation.

Selbst die Abtreibungsszene, die sein Verleger Peter Suhrkamp ihm noch ausreden wollte – Walser setzte sich durch, eine kleine Ausstellung im Foyer dokumentiert die Entstehungsphase –, rutschte mit durch. Gerling als Anne Volkmann sagt sie jetzt prosaisch auf, dann übernimmt Matti Krause als Hans Beumann, und der Satz, den Suhrkamp am liebsten von allen losgeworden wäre, lässt einen bis heute aufschrecken. Kann das sein, fragt man sich nämlich, ist das möglich? Walser widmete das Buch seiner Mutter und musste nun freilich fürchten, dass sie es auch lesen würde. Als ihr Pfarrer es für gut befand, sei auch sie zufrieden gewesen, schreibt Walser-Biograf Jörg Magenau.

Walser ist auf seine Weise fast immer ein Glückspilz gewesen, und so wundert es nicht, dass die Stuttgarter und Regisseur Stephan Kimmig ihm einen so unterhaltsamen, klug eingefädelten Abend zum bevorstehenden 90. Geburtstag anreichen. Wäre „Ehen in Philippsburg“ nicht am Ende eine Satire auf das Zusammenleben in der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik, könnte ein Wort wie „liebevoll“ fallen. Auch ist der Abend für eine Romanadaption verhältnismäßig theatralisch, wenn man einrechnet, dass Walser selbst von einem „konventionellen Roman“ und dies auch noch „ohne Handlung“ sprach. Beides natürlich kokett.

Ehen und Ehebrüche, Karrieren und Todesfälle, Betrug und Verdrängung in Philippsburg also – Verdrängung nicht der Nazizeit, schon sind die Bundesbürger in Gänze mit sich selbst befasst. Katja Haß platziert sie auf einer sich drehenden Gebäudeandeutung, Türen, Flure, ein Salon, dazu hohe Gardinen, ohne die einst nichts ging in deutschen Haushalten. Die Geschicklichkeit fängt bei dieser Bühne an, Haß deutet ein 50er-Jahre-Dekor an – goldfarbene Details, runde Ecken, etliche Dinge, denen man in Frankfurt hinterherheulen kann –, ohne sich in Ausstattung zu verlieren. Anja Rabes Kostüme setzen das fort, man sieht Petticoats, aber Matti Krause musste seinen modischen Bart nicht abnehmen.

So handhabt es auch Kimmig, Man ist sich nie ganz sicher, ob das Karikaturen sind oder nicht doch Leute wie du und ich. Die Sprechenden stupst er in den Vordergrund und lässt sie nachher wieder verschwinden, eine gut aussehende, lässige Dauerbeweglichkeit, nicht nur weil auch herrlich getanzt wird (Choreografie: Sally Cowdin). Auch dies nicht nostalgisch, sondern schräg.

Unangenehm nahe – und Kimmig braucht keinen einzigen Zeigefinger dafür – rücken die Lebensgier und der Heißhunger, der unbedingte Wille zum Aufstieg, und bis heute gibt es etliche Eheleute, die ihre Seitensprünge engagiert zu vertuschen versuchen.

Den zynischen, aber gar nicht so unsympathischen Frauenarzt und -helden Alf Benrath spielt der Stuttgarter Tatort-Ermittler Felix Klare als zeitlose Mehrfachbetrügerfigur, das „Ein-Mann-Theater“, als das er sich fühlt, wirkt nicht antiquiert. Die Sorge des von Kimmig ins Zentrum gerückten Dauerlaufbandgehers Beumann, als Jungjournalist irgendwo unterzukommen, käme uns viel lieber viel altmodischer vor. Paul Grill als Alexander Alwin, der Politiker in spe, zittert vor Ehrgeiz nicht mehr als der Karrierist von heute. An seinen Plänen – die richtige Party, die richtigen Bekannten, das richtige Wort –, wird aber vielleicht deutlich, dass die Gesellschaft 1957 noch etwas übersichtlicher war. Nein, das nehme ich hiermit zurück.

„Ehen in Philippsburg“ ist eine Männergeschichte. In ihrer Textfassung versuchen Kimmig und Dramaturg Jan Hein, auch die Frauen zu Wort kommen zu lassen, aber vor allem sorgen die Schauspielerinnen selbst dafür. Manja Kuhl als hemmungslose Frau Volkmann, Svenja Liesau als verfeinerte Cécile oder Sandra Gerling als spröde Anne und sexy Marga sind überhaupt nicht geeignet dafür, am Rand zu stehen, und so ist es dann auch nicht.

Natürlich läuft es gleichwohl auf viele Monologe hinaus. Natürlich sind gut dreieinhalb Stunden eine flotte Dauer und wäre Philippsburg auch mit einer halben Stunde weniger vor unseren Augen erstanden. Und doch: Welch ein Vergnügen und was für ein sehenswertes Ensemble.

In der Premiere war Walser nicht, will dem Vernehmen nach aber noch anreisen. Dann kann er sich auch seine Tochter Franziska anschauen, die gegenüber in den Kammerspielen mit Peer Oscar Musinowski Samuel Becketts „Glückliche Tage“ spielt. Drei Jahre jünger als „Ehen in Philippsburg“ ist es eine aparte Ergänzung.

Das Alter und die Apokalypse haben der Beziehung zwischen Winnie und Willie zugesetzt. Regisseur Armin Petras und Bühnenbildnerin Kathrin Frosch – mit Videos von Rebecca Riedel – spielen das sehr plakativ aus. Nur Momente entfernt scheint im Feuergeknusper und im Ausblick auf allerlei Weltraummüll das endgültige Ende der Restwelt. Im Plastikmüllberg steckt Franziska Walser gleichwohl adrett, patent und lebenszugewandt wie Doris Day. Musinowski springt als Caliban um sie herum. Beide Jahre, 1957 und 1960, lassen sich in Stuttgart überhaupt nicht anmerken, wie lange sie her sind.

Schauspiel Stuttgart: „Ehen in Philippsburg“ am 17., 25., 30. März. „Glückliche Tage“ am 14., 15. März. www.schauspielstuttgart.de

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