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Theater in Sankt Petersburg Der Anfang von etwas

Das Michailowski-Theater in Sankt Petersburg sucht den Anschluss: Hier hat Schaljapin gesungen, hier sind Prokofjews "Krieg und Frieden" und Schostakowitschs "Nase" uraufgeführt worden. Von Joachim Lange

14.07.2009 00:07
Joachim Lange
Der Innenraum des Michakolwski-Theater in St.Petersburg hat 980 Plätze. Foto: Michakolwski-Theater

Sankt Petersburg ist nicht nur die ewige Konkurrentin Moskaus. Dieses Venedig des Nordens ist auch die nördlichste europäische Metropole. Mit den berühmten weißen Nächten und einem maßlosen Reichtum an Kulturgütern. Vor allem aber einem erkennbaren Willen, ganz im Sinne seines Gründers Peter II., zum Westen aufzuschließen.

Doch man entdeckt auch zwei, die sich von hier aus im Westen etabliert haben: Man entgeht weder dem charmanten Lächeln von Anna Netrebko noch dem finsteren Blick von Valery Gergejew. Die beide sind nicht nur ein Exportschlager, sondern ziehen die Blicke auf das, neben dem Moskauer Bolschoi, berühmteste Theater Russlands, das Marinski. Seit kurzem indes versucht das zweite Petersburger Opernhaus nachzuziehen. Dabei hat das Michailowski-Theater, mit 980 Plätzen nicht ganz so groß und in den Bühnenmöglichkeiten beschränkt, gute Karten. Neben seiner großen Vergangenheit hat es Ambitionen für die Zukunft und keine üblen Voraussetzungen.

Schon die Lage des 1833 für deutsche und französische Theater-Compagnien errichteten und nach dem Zaren-Bruder Michail benannten Hauses ist nicht zu toppen. Gleich neben dessen heute zum Museum umfunktionierten gewaltigen Stadtpalast und integriert in ein großzügiges Platzensemble sind es vom Theater nur ein paar Schritte zur Philharmonie und dem berühmten Newski Prospekt. Hier hat Schaljapin gesungen, und hier sind Prokofjews "Krieg und Frieden" (zweite Fassung) und Schostakowitschs "Nase" uraufgeführt worden. Hier begann die kurze, von Stalin abrupt beendete ("Chaos statt Musik") Erfolgsstory der "Lady Macbeth von Mzensk".

Beim kollektiven Sprung ins kalte Wasser kapitalistischer Verhältnisse erwies sich der seit zwei Jahren offiziell als Generaldirektor eingesetzte Vladimir Kekchman als Glücksfall. Nicht nur wegen seiner notorischen Liebe zu Oper und Ballett. Der 41-Jährige gehört zu jenen Gewinnern des Systemwechsels in Russland, die es (in seinem Falle mit Obstimport) zu Reichtum gebracht haben. Nun kann man mit einem 14-Millionen-Dollar-Budget in Russland sicher mehr anstellen als in Österreich oder Deutschland. Doch Kekchman hat bei der kompletten Übernahme des traditionell üppigen Personalbestandes (allein mehr als 150 Musiker), bei der Sanierung des Hauses und auch sonst, sozusagen als sein eigener Sponsor, die fehlenden Rubelsummen draufgelegt.

Im Hintergrund steht Maris Jansons (derzeit weniger mit Dirigaten, aber doch mit seinem internationalen Renommee) dem Theater zur Seite. Und für das ehrgeizige Unternehmen, bei laufendem Betrieb einen Qualitätssprung an die Spitze zu machen, hat man den Slowaken Peter Feranec als aufbauwilligen und pragmatischen musikalischen Chef verpflichtet. Dazu kommt ein Berater aus Österreich: Der Bühne-Chefredakteur Peter Blaha bringt seine jahrelange Erfahrung als Chefdramaturg der Wiener Staatsoper ein und holt auch schon mal deren Direktor Ion Holender zur Spielplanpräsentation nach Sankt Petersburg. Die dann, versteht sich, als Gala über die Bühne geht. Mit der unvermeidlichen "Schwanensee"-Szene fürs weibliche Cour de Ballet und einem Arien-Querschnitt aus den Vorhaben der nächsten Saison.

Man wuchert dabei natürlich mit dem Pfund des exzellenten Balletts und setzt auf einen italienisch, russischen Repertoiremix. Dass moderater Erneuerungsehrgeiz hinzukommt, belegen Dvoráks "Rusalka", vor allem aber Halévys "La Juive", für die man sogar den Eléazar vom Dienst, Neil Shicoff, nach Petersburg holen wird. In einem Land mit latentem Antisemitismus ist das ein fast schon mutiges Unterfangen.

Wenn diese Petersburger Theaterrechnung auch nur halbwegs aufgeht, dann werden sich wohl die "Nase" und "Lady Macbeth" in nicht allzu ferner Zeit wie von selbst auf dem Spielplan dieses Opernhauses auf Zukunftskurs wiederfinden.

www.mikhailovsky.ru

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