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Theater in Berlin Tee trinken und sich unbehaglich fühlen

Die Welt dreht sich weiter und besser wird sie nicht: Gorkis „Sommergäste“ am Deutschen Theater Berlin, Müllers „Hamletmaschine“ am Gorki.

Parodierende Horrorclowns: Maryam Abu Khaled, Tahera Hashemi, Kenda Hmeidan in der ?Hamletmaschine?. Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

Zum Kotzen, verlogen und hässlich sei das Leben. So und ähnlich lautet die weit verbreitete Meinung in Maxim Gorkis Stück „Sommergäste“. Und hundertvierzehn Jahre später sitzt man im Deutschen Theater in Berlin und beneidet die Titelgeber, die einander an den Nerven reißen, statt sich auf dem Lande zu erholen. „Wir reden und reden – das ist alles!“, so Anja Schneiders Warwara mit Ekel in der Stimme. „Aber intensive, tiefe Leidenschaften kennen wir nicht mehr!“

Das mit dem Gerede stimmt schon, wobei die Sätze oft erschütternd durchdacht, klar und wahr sind, manchmal sogar schön und mitunter hübsch pointiert. Aber von einem Mangel an Leidenschaften kann nicht die Rede sein. Mögen diese vielleicht auf keine hehren Ziele gerichtet sein, so quälen diese teetrinkenden, gedichterezitierenden, angelnden oder picknickenden Emporkömmlinge einander doch mit leidenschaftlicher Intensität und aus tiefster russischer Seele. Das Entsetzen darüber, dass sie spießig, feige oder zynisch geworden sind, ist echt und geradezu heldenhaft! Es wirkt auf uns postrevolutionäre Nachgeborene, die sich mit der eigenen Nichtigkeit und Privilegiertheit abgefunden haben und sich Abstiegsängste nicht nur eingestehen, sondern dafür auch noch ernst genommen werden wollen, unangemessen. Während sich die Privilegierten heute vor jeder Veränderung fürchten, kann es für die Gorki-Figuren so nicht weiter gehen.

Die Geschäfte, die Warwaras Mann, der Anwalt Bassow (Alexander Khuon) einfädelt, mögen link sein. Dass der Literat Schalimow (Bernd Stempel) nicht mehr schreibt und der Fabrikant Doppelpunkt (Helmut Mooshammer), nachdem er seine Werke an Asiaten verkauft hat, nicht weiß, wohin mit seinem Geld – solche moralischen Verwahrlosungen mögen sie gerade noch hinnehmen. Aber nicht, dass sich ihre Liebe, ihr Verlangen abkühlt – manchmal auch der Hass. Hier ist niemand dem anderen egal. Und ein Sinn muss her!

Man kann nur ahnen, mit welcher Verachtung Warwara über uns Heutige sprechen würde. Die junge, geradherzige, liebesgierige, nassäugige Sonja (Maike Knirsch) würde uns vielleicht gar nicht mehr als menschliche Wesen erkennen, sie schaut jetzt schon immer so mitleidig und fassungslos in die Runde.

Dieser vierstündige, von Daniela Löffner inszenierte Abend spielt in einem dieser bewährten Jürgen-Gosch-Kästen. Alle Mitspielenden sind darin gefangen wie in einem Boxring, das Licht brezelt von vorn auf die kahle kupferne Szenerie. Nach ihrer gefeierten Turgenjew-Adaption „Väter und Söhne“ zeigt Löffner einmal mehr, dass ihr die gruppendynamischen Tableaus liegen, sie komponiert diese polyphone Psychofuge souverän, spürt den anziehenden Konflikten nach, setzt die Drehpunkte fein, aber deutlich – und lässt viel Raum für die sehr verschiedenen Schauspieler, die schon an diesem Premierenabend immer besser in den Flow zu finden scheinen. Das hebt jetzt schon in manchen Phasen ab und wird sich bestimmt noch weiter eingrooven. Diese Inszenierung ist ein Segen für das Ensemble, eine Feier des Spiels und ein großes Zuschauerglück, entsprechend der Jubel.

Aber die Welt hat sich weiter gedreht, ist in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hinabgetrudelt. Wer braucht da noch das Geplänkel von Leidenschaft, Empathie und Sinnsuche auf der Bühne? Die einzige Antwort, die das Theater angesichts des Endes der Geschichte noch geben konnte, bestand in der Vorführung der eigenen Vernichtung. Heiner Müllers „Hamletmaschine“ (1977) ist ein solcher Schrei des Verstummens. Ein schwarzes Gedicht, ein letzter postdramatischer Shakespeare-Rülpser, bevor das Licht ausgeht. Schauspieler sind überflüssig, der Text ist der Protagonist.

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