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Theater in Berlin Die Tücken der Harmonie

Postdramatische Utopien am Gorki und am Deutschen Theater – wo kommen wir denn da hin?

Cry Baby
Sophie Rois, barmend in „Cry baby“. Foto: Arno Declair

Die Spielzeit begann am Wochenende am Maxim-Gorki-Theater und dem Deutschen Theater mit drei gut einstündigen Stückentwicklungen, die da einsetzen, wo die Konventionen des bürgerlichen Dramas aufhören. Wenn das so weitergeht, wird es möglicherweise bald sehr ruhig auf deutschen Bühnen sein, denn was zuerst und gründlich überwunden werden soll, ist der Konflikt.

Bei der heiß ersehnten ersten René-Pollesch-Uraufführung „Cry baby“ mit Sophie Rois am Deutschen Theater (mit der nach der Wiederkehr von Frank Castorf und Herbert Fritsch an Berliner Ensemble und Schaubühne nun die Verpflanzung und Verkupplung der lebensfähigen Volksbühnen-Familienreste mit anderen Ensembles vollzogen ist) gibt der alles gleichmachende und versöhnende Schlaf den Grundakkord vor. Sophie Rois ist schon beim Auftritt im weißen Nachthemd hundemüde. So müde, wie eine Diva nur sein kann, also mit Grandezza und unter Einbezug der ganzen, aus tiefem Herzen Anteil nehmenden Welt.

Sie tappt auf ein fahrbares Bett zu, das allerdings mit jedem Schritt belegter ist. Schließlich kuschelt sich ein ganzer Chor von zwölf in spielzeugbunte Seidenpyjamas gesteckten jungen Frauen auf der Matratze, und für die Diva in Weiß ist kein Platz mehr. Wer würde angesichts eines solchen zu bewältigenden Stapels von eifrigen Konkurrentinnen nicht noch müder werden? Und als dann auch noch Christine Große als ihr Lebensgefährte auftritt und das Thema Sexmangel besprechen möchte, ahnen wir, dass es kein Entrinnen aus dem Drama gibt. Dass es keine Flucht gibt, weder auf die Metaebene (das Bühnenbild verdoppelt das Portal des Deutschen Theaters) noch in Tiefschlaf oder Ohnmacht. „Ich zeige Ihnen jetzt acht Stunden über den Schlaf, die Sie unbedingt gesehen haben müssen!“, ruft Sophie Rois in ihrer Bedrängnis und quetscht sich aufs Bett.

Die Drohung bleibt leer. Der Abend versucht in 65 Minuten alle möglichen Arten von theater- und kapitalismusimmanenten Ordnungen zu unterwandern, manövriert sich mit fröhlicher Unbekümmertheit in Repräsentanzsackgassen hinein und wechselt, wenn es nicht mehr weitergeht, nach einer choreografischen Einlage zu schönster Musik die Platte. Rasender Stillstand und gute Laune müssen sich keinesfalls ausschließen.

Auch im Gorki ging es in einer Doppelpremiere um eine Grundkritik des mit Hilfe von Konflikten und Hierarchien eingerichteten Theaters. Im Studio, bei „You are not the hero of this story“ von Lucien Haug und Suna Gürler, ist das vor allem ein sportlich-grammatikalisches Experiment. Vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler, alle mit Businessanzug, weißen Sneakern und angeklebten Oberlippenbärten, turnen auf einer schiefen Ebene marschierende und rutschende Gruppenchoreografien vor, bei denen immer wieder ein Protagonist abgesondert wird. Nach einem kurzen Machtrausch geht es ihm an den Kragen, weil es ungerecht ist, wenn jemand mehr Aufmerksamkeit bekommt, seine Figur individualisieren darf, zum Subjekt der Erzählung erhoben wird, was die anderen herabsetzt.

Da diese Objektgruppe nun aber die Mehrheit bildet, dauert es nicht lang, bis der Augenblicksprotagonist geschluckt ist und der nächste ausgespuckt wird, weil sich ohne Subjekt nun einmal nichts erzählen lässt. Auch dieser, allerdings nach Erschöpfung strebende Metakampf tritt auf der Stelle. Zur Auflockerung werden Zitate von Männern über das Mannsein, MeToo und Macht eingespielt, die es dem Zuschauer leicht machen, durch Abgrenzung ein Gefühl der moralisch intellektuellen Überlegenheit zu gewinnen. Auch wieder ungerecht! Das eigentliche Ich-Wir-Die-Problem aber, die kategorische Organisation des Miteinanders als ein Gegeneinander, lässt sich einfach nicht anders erzählen – und mithin auch nicht anders leben. Der Kampf ist erst vorbei, als alle ausgepowert sind.

In „Yes but no“, dem neuen, von Yael Ronen und ihrem Ensemble zusammengestellten Programm, wird es expliziter. Hier wird das MeToo-Thema konkret und (pseudo?)-biografisch unterfüttert. Fünf Schauspieler erzählen von sexuellen Erlebnissen, von ersten unschuldigen Entdeckungen, skurrilen Selbstbefriedigungsmethoden und zwischenmenschlichen Missverständnissen, bei denen man nicht ganz sicher sein kann, ab wann sie verletzend sind. Auf einmal hört man von Nötigung, Missbrauch und Vergewaltigung, von seelischen Wunden, ohne dass man den Moment, an dem es gekippt ist, bemerkt hätte. Bis wann ist es lustig, ab wann ist es falsch? Funktioniert zwischenmenschlicher Sex überhaupt ohne Macht, Schuld und Scham, ohne Überwindung und Unterwerfung – also ohne Konflikt? Denn auch die Suche nach dem Einklang nimmt sich Ronen zur Zielscheibe für ihren Humor, der in den Songs von Yaniv Fridel und Shlomi Shaban seine handfeste ironische Entsprechung findet.

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