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Theater Familie an Weihnachten

Das English Theatre Frankfurt eröffnet die Spielzeit ambitioniert mit der Ausgrabung von James Goldmans „The Lion in Winter“

Englisches Theater
Als wären sie ein glückliches Paar: Alais und Henry II. im English Theatre Frankfurt. Foto: Martin Kaufhold

James Goldmans Theaterstück „The Lion in Winter“ kombinierte 1966 anregend eine mittelalterliche Royal-Soap mit Witz und Wachheit eines guten Konversationsstückes und einem gelassenen Pessimismus gegenüber dem Politik genannten Herumgezacker. Trotz toller Rollen hielt sich die Publikumsbegeisterung am Broadway in Grenzen, während die Verfilmung zwei Jahre später zum mittelbekannten Klassiker (und einzigen Riesenerfolg für Regisseur Anthony Harvey) wurde. Niemand sollte darauf verzichten, sich zwei- bis dreimal im Leben Katharine Hepburn als Eleanor von Aquitanien, Peter O’Toole als ihren Mann Heinrich II., Anthony Hopkins als Sohn Richard (künftig: Löwenherz) sowie den 22-jährigen Debütanten Timothy Dalton als Philipp II. von Frankreich anzusehen.

Das English Theatre Frankfurt hat für seinen Spielzeitbeginn nun den originellen Entschluss gefasst, das gute alte Bühnenstück einmal wieder auszuprobieren. Originell auch, weil die Saison das Motto „All About Women“ trägt. „The Lion in Winter“ blickt auf einen Vater und seine drei Söhne (Goldman ließ König Lears Geschichte dabei natürlich anklingen), aber Königin Eleanor tritt als schillernde, wenn auch erfolglose Strippenzieherin auf.

Gleichwohl ist ihr Aktionsradius – wie der der anderen Frauenfigur, der jungen Französin Alais – extrem klein. Wenn es hier um Frauen geht, dann geht es um Frauen, deren Ohnmacht absolut ist. Aber still ist Eleanor nicht. Mittsechziger Atmosphäre umweht das Gesprächsklima.

Theater, nicht Hollywood

Ohne spektakuläre Außenaufnahmen – auf Videos wurde verzichtet, wir sind im Theater, nicht in Hollywood – setzt die Regie von Derek Anderson auf die beengte Situation einer sich umlauernden Familie. Alyson Cummins’ Ausstattung wird durch drei hübsch imitierte mittelalterliche Wandteppiche geprägt – mit kleinen, andeutungsvollen Blickfängen: Wie kommt die Stacheldrahtrolle vor die Burg, wie Theresa May auf den Turm? Gewalt und politische Dummheit sind keine Phänomene, die mit dem Mittelalter vergangen wären. Hinter den Bildern tauchen verschiebbare Treppen auf, die in Verbindung mit aufpuffendem Nebel effektvolle Tableaus ermöglichen. Auch rücken sie zwischendurch das Machtgefälle wieder zurecht. Denn unten geht es zu wie bei Krethi und Plethi.

Tolle Rollen, ja: Carmen Rodriguez als Eleanor bewegt sich auf minimalem Raum, aber sie redet und redet, und ihr Gesicht erzählt noch mehr. Wenn sie mit ihrem Schmuck spielt und keine Kette weglassen will, ist das lustig, aber es ist auch die Geschichte einer Frau, die in ihrer Eitelkeit die Selbstironie und das Memento mori, das in aller Schönheit liegt, nicht vergisst. Die Männer um sie herum sind, sagen wir einmal: einfacher gestrickt. In Frankfurt werfen sie sich mit Vergnügen ins Gepolter, das – „The Lion in Winter“ ist trotz ansehnlicher Schaukämpfe kein Actiondrama – innerhalb der Stückes folgenlos bleibt. Tom Butchers englischer König Henry II. lächelt aufgeräumter, als er ist. Sein leicht gereizt daherkommender Machtanspruch (der Löwe im Winter!) vermischt sich mit einer Menge Unlogik im menschlichen Detail. Goldman war in der Zeichnung streng, den Plantagenets standen schlimmere Vertreter und bösere Zeiten bevor. Butcher hält eine ganz spannende Balance zwischen einer auch sprachlich zur Schau getragenen Lässigkeit und einer irritierenden Schwäche. Es gibt solche Väter, ja. Sie sind anstrengend für die Söhne.

Richard und John wissen noch nicht, dass sie Löwenherz und Ohneland sind (und ihnen als Robin Hoods Zeitgenossen noch viele große Kino-Auftritte vergönnt sein werden), aber sie benehmen sich schon so: Oliver Towse als Richard – nach dem Tod des ältesten der Brüder der naheliegende Thronerbe, aber das junge Königsgeschlecht sortiert sich noch – ist ein leicht in Verlegenheit zu bringender, vor sich hin brütender Haudegen. Stanton Wright als John ist der maximale Gegenpol, ein verwöhnter, effeminierter Bubi und gewissermaßen Vollidiot. Dass Henry II. ihn zu seinem Nachfolger machen will: Geheimnisse eines Vaterherzens. Dazwischen: Sandwichkind Geoffrey, Ludovic Hughes als attraktiver Finsterling und der einzige, der mit den Winkelzügen der Mutter geistig einigermaßen mitkommt.

Mit Staunen und Befremden blicken auf die Plantagenets: Daniel Abbott als Philip II., der seine Rolle selbst noch sucht, und Eva Solange Bortalis als Alais, Henrys Geliebte. Auch die Zuschauer dürfen staunen und befremdet sein. Das Stück besteht einerseits darauf, eine unterhaltsame Familiengeschichte zu sein. Dazu passt, dass die Handlung an Weihnachten spielt. Freude an Pingpong-Dialogen ist unabdingbar für den Spaß beim Zugucken. Andererseits erschreckt die Dysfunktionalität des politischen Vorgehens, die alles destabilisierende Sprunghaftigkeit komplett stimmungsabhängiger Strategien. Das erschien früher viel altmodischer.

English Theatre Frankfurt: bis 18. Oktober. www.english-theatre.de

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