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Theater Eine sehr seltene Krankheit

„Leben und sonst gar nichts“: Hans Richter spielt im Stalburg-Theater Frankfurt einen Sterbenden.

Der Tod, auch wenn er immer auf dasselbe hinausläuft, tritt uns in unterschiedlicher Gestalt und zur Unzeit entgegen. Obwohl auf ihn nun wirklich Verlass ist, überrumpelt er dadurch stets, und man fragt dann den Arzt: Werde ich sterben? Und der Irrsinn dieser Frage ist nicht nur einer Gesprächsabkürzung geschuldet, sondern es spricht auch die ernsthafte menschliche Neigung daraus, den eigenen Tod nicht auf der Rechnung zu haben. Davon erzählt der Franzose Antoine Rault in seinem Monolog „Leben und sonst gar nichts“. 

Und noch eine Überrumpelung: Wenn im Stalburg-Theater in Frankfurt ein nachdenklich oder sogar unglücklich zu uns herunterschauender Mensch auf der Bühne steht, will man gleich ein bisschen kichern. Darf man auch, der Tod hat eine komische Seite. In der Bahn steht eine alte Frau auf, um dem Mann ihren Sitzplatz anzubieten. Da wird dem Mann klar, wie krank er aussehen muss. Aber so lustig ist es dann wieder nicht und dann doch wieder. Jeder muss selbst sehen, wie er zurechtkommt. 

Ein Mann steht an seinem Totenbett und denkt zurück. Mit Mitte 50 hat er eine Frau, mit der er sich nicht mehr gut versteht, und außerdem hat er noch so ein Unwohlsein. Der Arzt stellt fest, dass er an einer sehr, sehr seltenen Krankheit leidet. Ihr Name wird so weggenuschelt, aber dem Mann ist es schon wichtig, dass die Krankheit selten ist. Es ist kein Krebs, kein Krebs, auch das ist ihm wichtig. Jetzt erzählt er davon, wie er damit umgegangen ist (geschockt, verwirrt, auf sein Überleben konzentriert), wie die anderen damit umgegangen sind (geschockt, verlegen, hilflos) und wie es dann weiterging. Die sehr, sehr seltene Krankheit lässt sich etwas Zeit, aber Zeit ist ein relativer Begriff.

In der Stalburg ist Hans Richter zu sehen. Hans Richter erzählt das nicht nur, er ist das, und er ist auch die anderen. Mit Regisseur Carsten Ahrenholz und dem Ausstatter Matthias Heinrich hat er einfache Methoden entwickelt, mit einem weißen Tuch, einem Jackett, ein paar Stühlen diverse Räume und Gegenüber herzustellen (das könnte manchmal noch straffer gehen). Hans Richter, hat er sich für die nächste Szene eingerichtet, entfaltet ein stilles, unheimlich aufmerksames Virtuosentum im Monologisieren und Ein-Mann-Dialogisieren. Die Ärztegespräche sind zum Totlachen, die Kollegen konterkarieren den Wunsch nach Normalität mit penetranter Rücksichtnahme, das Verhältnis zur Frau entwickelt sich – lange weiß man nicht recht, wie. Der Tod macht einsam, teilweise, der Tod macht alles äußerst unsentimental. Zwei Stunden, gegen die man sich schwer abschotten kann. 

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