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Theater Ein Heimatabend

Uraufführung von Leander Haußmanns „Staatssicherheitstheater“ an der Berliner Volksbühne.

"Haußmanns Staatssicherheitstheater"
Silvia Rieger und Horst Kotterba. Foto: dpa

Die mit Leander Haußmanns Freunden (u.a. Frank Castorf und Klaus Lederer) gefüllte Volksbühne feiert am Freitag die Uraufführung von „Haußmanns Staatssicherheitstheater“. Es gibt schon ausgelassenen Zwischenapplaus bei Musikeinlagen und Slapsticknummern, ja sogar gleich am Anfang wie im Boulevardtheater für das Bühnenbild von Lothar Holler, das wie eine Puppenstube aus der Versenkung fährt: ein originalgetreu ausgestatteter und abgeranzter dreistöckiger Prenzlauerberg-Altbau. Der blaue Rundhorizont leuchtet wie der Himmel durch die Fenster.

Es gibt wirklich viel Applaus, grüßenden Hallo-Leander-Applaus, Ach-früher-Applaus oder Ironie-verstanden-Applaus. Alle im Saal sind miteinander verbunden, nur einer muss wieder seinen negativen Bericht schreiben.

Ja, gemeint ist auch der Theaterkritiker in seinem Grame, aber in erster Linie, horcht!, irgendein Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Es ist von geradezu Marthaleresker Poesie, wie fast den ganzen turbulenten, verstolperten, selbstverliebten und bestens gelaunten Heimatabend lang aus der Tiefe ein verlässliches Schreibmaschinenklackern tickert. Das gibt dem zerfransten Geschehen in seiner schamlos ausgestellten ästhetischen Inkohärenz einen Grund, ja, einen Sinn, der vielleicht als eine Metapher für das Leben in der untergegangenen DDR, zumindest im untergegangenen Prenzlauerberg taugt: Was du auch tust, was dir auch widerfährt, mit wem du ins Bett gehst und wogegen du aufstehst – da draußen ist jemand, der alles mitschreibt, sich für dich interessiert, dich nicht allein lässt und sich bestimmt auch eines Tages persönlich bei dir meldet.

Erzählt wird eine krude, aber nicht gänzlich abwegige Geschichte von einem Ludger (Horst Kotterba), der heute als erfolgreicher Schriftsteller (zuletzt erschienen: „Nichts als die Wahrheit“) lebt, wobei diese Karriere nichts weiter ist als die nach der Wende professionell (auch in Ermangelung von anderen beruflichen Perspektiven) aufrechterhaltene Stasi-Legende. Mit ihr ausgestattet wurde Ludger einst als frisch angeworbener Hauptamtlicher Informeller Mitarbeiter (HIM) von seinem Führungsoffizier in die negativ dekadente Prenzlauerberg-Szene entsendet.

Die Handlung springt zurück, zeigt die Ausbildung zum Kneipendichter, einen aus dem Ruder gelaufenen konspirativen Einsatz, bei dem Ludger (in jung: Matthias Mosbach) nicht nur aus Versehen seinen Vater in den Herztod treibt, sondern auch dessen Geliebte – Ludgers spätere Frau Ramona (Antonia Bill) – kennenlernt.

All die reich enthaltenen Schein-Sein-Diskrepanzen dieser Konstruktion, die Haußmann noch als Roman und als Film auswerten will und die auf geradezu Shakespeare’sche Weise auf den Grund der menschlichen Existenz führen könnten, die Raum für tiefe Tragik, nostalgische Melodramatik und vielbödigen Verwechslungshumor ließen, wurden für diese Theaterpremiere nur nachlässig und selbstunterwandernd aninszeniert.

Es gibt schön ausgedachte, aber immer verhuschte und irgendwie in die Ecke gespielte Auftritte zum Beispiel von Waldemar Kobus, Uwe Dag Berlin und Silvia Rieger (die in einer herrlichen Kreischarie Renfts „Sandmann“-Lied bringt). Widerstand, Dichtkunst, Liebe und Stasiperversion werden parodiert, bis alles gleich harmlos und peinlich ist, sodass es angebracht ist, den dreieinhalbstündigen Abend bereits auf der Bühne in eine Party übergehen zu lassen. Was den Berichterstatter natürlich umso mehr auf seine Ausgeschlossenheit stößt und verbittern lässt.

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