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Theater Die Götter des Gemetzels

Erstaunliches am Berliner Gorki: Das Studio zeigt absurdes Theater, auf der großen Bühne ein Well Made Play.

Sie heißen also Immanuel, Mathias und David, zwei Brüder, ein Halbbruder. Den Namen und ihren Konflikten nach tragen sie aus, was landläufig als alttestamentarische Konflikte gehandelt wird. Ein Trio verbunden in Rache und Schuld, Hass, Liebe und also Familienabgründigkeit. Passt. Nur um Gott, die hebräische Bibel und all die vermeintlich alten Sachen geht es hier allenfalls außen herum. Denn im Inneren dieser Inszenierung glüht die Leere, das große schwarze Nichts. Aber das Nichts ist ja auch nur die andere Seite der Fülle, sozusagen.

„A walk on the dark side“ heißt diese Inszenierung, die Yael Ronen gemeinsam mit ihren fünf Schauspielern erfunden hat. Die dunkle Seite: Da sind zwei Naturwissenschaftler (Immanuel und Mathias), die das unfassliche Universum zu erforschen trachten. Der eine sucht seine Erkenntnisse populärwissenschaftskommunikativ zu vermarkten (Mathias), der andere ist Nobelpreisträger. Beide arbeiten sie an der Erkundung der sogenannten dunklen Materie. Aber jetzt sind sie in der Uckermark, den Nobelpreis feiern. Mit dabei Mathias’ selbstmordaffine Freundin Magda und Immanuels Frau Mania, dazu der nach Jahren überraschend auftauchende Halbbruder David. Es wird angestoßen, es werden Reden geredet, es wird gegiftet – und es werden Geschichten aus dem Dunkel (!) der Vergangenheit hervorgeholt, die anderen Seiten (!!) des Verdrängten angeleuchtet. Es geht dabei um Verrat, Untreue und unerfüllte Sehnsüchte. Alles da, was ein ordentliches Well-Made-Play mit Neigung zum Psychokrimi braucht. Überhaupt sind diese zwei Stunden überraschend ordentlich, die Figuren geradezu schubladenhaft sortiert, die Handlungsstränge sonntagsabendkrimimäßig verhäkelt.

Yael Ronen, Spezialistin für gebrochene, zerfurchte postsäkulare Seelen, macht mit diesem Abend der Konversationsdramakunst einer Yasmina Reza Konkurrenz, man denkt mitunter an den berühmten „Gott des Gemetzels“. Das ist nicht die schlechteste Referenz, ja. Aber es erstaunt doch, wie einfach es sich Ronen diesmal macht, wie selbstverständlich fast sämtliche Konflikte und Figurenkonstellationen einer Wirkungsästhetik in den Rachen geworfen werden, wie das Makabre dem Sarkasmus, das Bittere der Pointe geopfert wird. Und wie die Analogien zwischen der dunklen Materie des Universums und den Dunkelheiten des Menschen zumeist die naheliegenden Abzweigungen nehmen.

Dafür haben die Schauspieler ihre helle Freude am Spiel, allen voran Jonas Dassler (Mathias) und Dimitrij Schaad (Immanuel). Sie pinseln ihre Charaktere genüsslich aus, jonglieren gekonnt mit den Sätzen, haben jeden Gesichtszug im Griff, und es ist durchaus ein Spaß, ihnen zuzuschauen, so lange man es beim Well-Made-Blick bewenden lässt.

Garstiger, auch kantiger ist dagegen die Inszenierung „Elizaveta Bam“ von Christian Weise nach einem Stück von Daniil Charms, die vor der Ronen-Uraufführung im Gorki-Studio gezeigt wurde. Gemeinsam mit dem Exil Ensemble hat Weise dieses Stück absurder Literatur nicht nur herrlich schräg auf die Bühne gepuzzelt, sondern es auch als leise, aber unübersehbare Analogie zur Gegenwart genommen.

So wenig, wie Elizaveta Bam (Kenda Hmeidan) weiß, wie ihr geschieht und wo welche Abgründe lauern, so wenig kann der Zuschauer die Wendungen und Verwicklungen dieses sonderbar vergnügten Geschehens durchschauen. Womöglich findet damit ein Gegenwartsgefühl seinen Ausdruck, mit allen fatalen Folgen. Es weiß ja keiner, ob diese Welt zum Lachen oder Heulen ist. Es wissen nur alle, dass ziemlich viel ziemlich falsch ist.

 

Gorki Theater, Berlin:

Große Bühne: 1., 4., 14. Mai.

Studio: 28. April, 5. Mai.

www.gorki.de

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