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Theater Den Keks allemal wert

Das Ensemble 9. November feiert im Gallus-Theater mit einer Werkschau seinen 30. Geburtstag.

Vor dreißig Jahren wurde in Frankfurt das „Ensemble 9. November“ gegründet. Episoden aus der gesamten Spielzeit haben die Theaterleiter Helen Körte (Regie) und Wilfried Fiebig (Bühne und Objekte) nun zum Jubiläumsfest an zwei inhaltlich sich ergänzenden Abenden im Gallustheater zusammengeführt. Hier hatte das Ensemble von Anfang an inszeniert und seine einzigartige, poetisch-künstlerische Bühnensprache entwickelt.

Bis heute gehört es zum künstlerischen Anspruch des Ensembles, mit seinen Inszenierungen den Scheinheiligkeiten der Gegenwart auf den Grund zu gehen und „Menschen bis zur Kenntlichkeit entstellt“ (so Ruth Fühner in ihrer Laudatio) zu zeigen. Das Wissen um die Pflicht zur Wachsamkeit, welche die Geschichte der Nachwelt zur Aufgabe gemacht hat, ist in den Inszenierungen des Ensembles 9. November auch nach dreißig Jahren noch präsent. Entsprechend unverständlich erscheine es, so die Laudatorin, dass das „Damoklesschwert der Altersdiskriminierung“ über der langjährig aktiven Theatergruppe schwebe und man sich zunehmend Sorgen um den Fortbestand städtischer Förderung machen müsse.

Materielle Abstinenz ist eine Art Leitmotiv im Körte/Fiebig-Kosmos. Auch in den jetzt ausgewählten Jubiläumspassagen geht es immer wieder um ein karges, am Existenzminimum entlang balancierendes Künstlerleben. „Wer das Weizenkorn nicht ehrt, ist den Keks nicht wert“ piepst das in Sisalsäcken hockende Hennenquartett gleich zu Beginn des Abends. Trotz phantasiereicher Gestaltung geht es dem Ensemble also nicht um opulente Bühnen- und Kostümaustattung, sondern um die angemessene Umsetzung kreativ-künstlerischer Ideen.

Hierzu gehört entscheidend auch die musikalische Gestaltung durch Katrin Becht, Christian Diederich, Jens Hunstein, Martin Lejeune und Elvira Plenar. Da für die Vielfalt der erinnerten Stücke nicht jeweils ein eigenes Bühnenbild aufgebaut werden konnte, ist in dieser Jubiläumsfassung der Wert der Musik als tragendes Element besonders erkennbar. Mit humoristischen Einlagen verbindet zudem „Special Guest“ Dieter Landuris in einem sperrigen Spieglein-an-der-Wand-Kostüm bis zur Pause die Stückpassagen aus „Gute Knochen“ nach Margaret Atwood und „Obdachlosigkeit der Fische“ nach Wilhelm Genazino mit der an Daniil Charms angelehnten Filmsequenz „Das Schicksal der Frau eines Professors“.

Verwandlung ist ein Stichwort, das für die poetische Bildsprache des Ensembles 9. November charakteristisch ist. In „Denk ich an Kafka, werde ich zum Fuchs“ (nach David Garnett), das nach der Pause gezeigt wird, verwandelt sich Mirjam Baur unvermutet in eine Füchsin. Übergangslos geht ihr Sprechen in unverständliches Bellen und Jaulen über, die Bewegungen folgen der vierbeinigen Rhythmik. Kunstvoll gelingt solch bizarrer Wandel und gibt dem Geschehen auf der Bühne die für das Ensemble 9. November so typische, phantastische Dynamik.

Gallus-Theater , Frankfurt: Ensemble 9. November mit „Szenen eines Kulturvolks“, 24., 26.-28. Oktober.

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