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Theater Berlin Von Internisten empfohlen

Entgiftung im Berliner Theaterstreit: Peter Raue befragt Chris Dercon und Oliver Reese am Beginn ihrer Intendanzen.

Oliver Reese
Oliver Reese als Chef vor dem Berliner Ensemble. Foto: Matthias Horn

„Gallensteine & Sodbrennen“ steht draußen an der Urania, bemerkt der vielverdankliche Kunstmäzen und meistbeschäftigte Kulturbetriebsanwalt Peter Raue zur Einleitung und fragt in die Weite des immerhin zu drei Vierteln besetzten 850-Plätze-Saals: Was hat das wohl für unser Thema zu bedeuten? Es geht nämlich nicht um zwei lästige Leiden, sondern um zwei Theater der Stadt, die, wie es sich herumgesprochen haben wird, seit dieser Saison von neuen Intendanten geleitet werden: die Volksbühne von dem belgischen Museumsleiter Chris Dercon, vormals München, Haus der Kunst, zuletzt London, Tate Modern; sowie das Berliner Ensemble von Oliver Reese, zuletzt Intendant in Frankfurt.

Kontrastreicher kann ein Theaterleiterpodium eigentlich nicht besetzt werden, aber beide haben mindestens eine Gemeinsamkeit, sie werden zwar nicht direkt anwaltlich von dem Moderator Raue vertreten, sind aber, wie er sagt, mit ihm befreundet. Dercon habe er bei den Vertragsverhandlungen beraten, und die Berliner Ensemble GmbH gehört bereits seit Anfang der Neunziger, den Zeiten der Fünferbande (Matthias Langhoff, Fritz Marquardt, Heiner Müller, Peter Palitzsch, Peter Zadek), zu seinen Klienten. Oliver Reese ruft gleich mal herein, dass er noch nie die Dienste eines Anwalts in Anspruch nehmen musste.

Oliver Reese brauchte noch nie einen Anwalt

Das hierauf allseits folgende ironische Schmunzeln setzte einen lindernden Grundton der Veranstaltung, bei der eigentlich ein Konflikt hätte zutage treten und begrifflich geschärft werden können: Oliver Reese gilt zumindest im Kontrast zu Chris Dercon als ein Bilderbuchtheaterleiter, der mit stolzem Nachdruck auf die Werte des Stadttheaters setzt: Er hat ein Ensemble von knapp dreißig Schauspielern und stellt vom ersten Tag seiner Spielzeit ein lückenloses Repertoire auf die Beine – angereichert mit acht, großenteils selbstinszenierten Frankfurter Mitbringseln und fünf Übernahmen aus dem Repertoire seines Vorgängers Claus Peymann.

Dercon weist darauf hin, dass er, anders als Reese, bei Null hätte anfangen müssen – weswegen sein Spielplan neben „zwölf bedeutenden Eigenproduktionen, die in Berlin für Berlin entstehen“ viel Luft aufweist und mit Gastspielen und Koproduktionen angereichert ist. Zu diesen zwölf Produktionen zählt Dercon unter anderem auch die Diaprojektion „Waffenruhe“ mit Bildern aus dem gleichnamigen Buch von Michael Schmidt aus dem Jahr 1987, eine Retrospektive von Apichatpong-Weerasethakul-Filmen, die „Faksimile“-Inszenierungen des Beckett-Assistenten Walter Asmus und ein Kate-Tempest-Konzert.

Regisseure Pollesch, Fritsch, Marthaler im Schlepptau

Was das Ensemble angehe, so folge er ganz dem Prinzip, das sein Vorgänger Frank Castorf praktiziert habe: Dieser hatte zuletzt von seinen 27 Ensemblestellen nur noch zwölf mit Künstlern besetzt und sein Ensemble mit Gastschauspielern ergänzt, die die Volksbühnenregisseure René Pollesch, Herbert Fritsch, Christoph Marthaler im Schlepptau hatten. Das wolle er ähnlich handhaben, so Dercon. Dass in seinem Wirtschaftsplan nur noch zwölf Ensemblestellen festgeschrieben sind, fand in der Urania keine Erwähnung. Wohl aber, dass Dercon nicht nur Schauspieler, sondern auch Tänzer oder „Mehrspartenkünstler“ zum festen Ensemble zählen wird, wenn er denn die Stellen mal besetzt.

Als er das ausführt – sich gegen die Routinen der Stadttheatermaschine à la Reese aussprechend – wird immer klarer, dass ihm eher ein experimentelles Kollaborationszentrum mit assoziierenden Künstlern, Residenzen und einem eigenen Produktionsapparat vorschwebt. Nun denn, er wird dennoch die leider weichen Begriffe Ensemble und Repertoire verwenden, weil die nun einmal in der Zweckbestimmung der Volksbühne vorgegeben sind.

Dass er bisher noch nicht eine Stelle besetzt habe, liege, so Dercon, an der kulturpolitischen Situation. Er spielt darauf an, dass der neue Kultursenator Klaus Lederer nach der Wahl groß angekündigt hat, den Intendantenvertrag von Dercon überprüfen zu wollen. Niemand habe sich verpflichten wollen, weil gar nicht klar war, ob es überhaupt klappt mit Dercon und der Volksbühne. Jetzt aber sei es endlich losgegangen und der Weg frei. So deutlich hat Dercon noch nicht gesagt, dass er mit dem unter Verbrauch des Zwei-Millionen-Vorbereitungsetats Zustandegebrachten selbst nicht zufrieden ist. Dafür haben ihn seine Kritiker angegriffen und mit diesem Eingeständnis werden sie einmal mehr dazu aufgefordert, abzuwarten.

Peter Raue macht in seiner Weisheit vor, wie man in einer solchen Situation Galle und Magen schont: Lächeln! Freuen wir uns auf eine interessante Spielzeit. Der Saal klatscht.

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