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Tanzplattform Das Volk tanzt

In Frankfurt eröffnet die „Tanzplattform Deutschland“ leise und laut. In vier Tagen werden zwölf ausgewählte Produktionen gezeigt.

Gewebte Körperbilder in "Collective Jumps" von Isabelle Schad. Foto: Laurent Goldring

Zum 12. Mal findet die Tanzplattform Deutschland statt, zum zweiten Mal in Frankfurt – erneut ist der Mousonturm Organisator – und diesmal auch in der Region. Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain unterstützt das Projekt, so dass es einerseits ein Festival der weiten Wege geworden ist (Fachbesucher schätzen das kein bisschen), andererseits eben auch Darmstadt, Bad Homburg, Offenbach ein paar Aufführungen abbekommen haben. Ziel ist nicht zuletzt, dem künstlerischen Tanz ein neues Publikum zu erschließen. Diesem sollte freilich klar sein, dass zur alle zwei Jahre stattfindenden Tanzplattform traditionell Produktionen eingeladen werden, die außergewöhnliche, gern sperrige, die Sparten-Grenzen oft sehr weit dehnende Experimente wagen, die mithin für das Gros zeitgenössischer Tanzproduktionen eher nicht repräsentativ sind. Das ist ja nicht einmal das Bayerische Staatsballett mit seiner Aufführung des „Triadischen Balletts“.

Die sechsköpfige, aber vierstimmige Jury (drei Mousonturm-Vertreter teilten sich eine Stimme) hat den im Sinn von Transparenz verdienstvollen Entschluss gefasst, zu ihrer Entscheidung für jede der zwölf eingeladenen Produktionen eine nicht ganz kurze Begründung zu verfassen. Diese wird vor der Vorstellung auf Deutsch und Englisch verlesen; man kann sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, Zettel auszulegen mit den nicht eben unterkomplexen Texten.

Vier Tage lang, bis einschließlich Sonntag, gibt es die Produktionen zu sehen. Dazu werden im Rahmenprogramm Podien, ein „offener Think-Tank“, Warm-ups angeboten. Man solle sich doch für diese Tage besser gleich Urlaub nehmen, schlug Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth launig vor, der am Mittwochabend die Tanzplattform im Frankfurter Schauspiel eröffnete, zusammen mit den Rednern Matthias Pees, Mousonturm, und Kulturfonds-Geschäftsführer Helmut Müller. Dieser machte auch gleich Werbung für die Tanzplattform Rhein-Main, die in Kooperation des Mousonturms mit dem Hessischen Staatsballett und mindestens bis 2018 stattfinden soll. So lange jedenfalls hilft der Kulturfonds auch da bei der Finanzierung.

Der Eröffnungsabend brachte zwei Stücke, die auf den ersten – aber nicht auf jeden – Blick kaum unterschiedlicher hätten sein können. Im Bockenheimer Depot wirkte und webte Isabelle Schad das mit 22 Tänzerinnen und Tänzern erarbeitete „Collective Jumps“, ein Ensemblestück von bestechender Schlichtheit wie auch sich langsam erschließender Raffinesse. Der Titel scheint ein kleiner Spaß zu sein, denn gesprungen wird in den 55 Minuten des Stückes nicht wirklich.

Vielmehr beginnt man mit zwei Kreisen, weitet und verengt sie, lässt sie gegeneinander schnurren wie ein Reißverschluss. Es gibt Reihen-Formationen diversester Art. Paare fassen sich an Schultern, Armen, Händen, was jeweils den Abstand verändert. Arme recken sich zum Halbmond, andere pendeln nach unten. Das Bewegungsmaterial stammt aus Volkstänzen, aber weil es durch 22 Körper vervielfältigt und wiederholt wird, wirkt der vielgliedrige Tänzerorganismus immer wieder wie ein sanftmütiges Maschinchen, als griffen Zahnräder ineinander, Pleuelstangen.

Dezent Geräuschhaftes begleitet die „Jumps“. Im Schauspiel dann wurden allerdings Ohrenstöpsel angeboten. Anderthalb Stunden „Not Punk, Pololo“ von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen sind mindestens zur Hälfte an Lautstärke nicht sparendes Konzert, aller Text – und das ist eine Menge – wird gerappt oder sprechgesungen. Der Tanzplattform-Jury gefiel nicht nur an dieser Gintersdorfer/Klaßen-Produktion das Thematisieren von und die Bemühung um Übersetzung: Das gilt sowohl für die verwendeten Sprachen Französisch (Performer aus Abidjan, Elfenbeinküste, sind dabei), Englisch und Deutsch, als auch für die wilde Mischung diverser Streetdance-Stile. Sie werden zum Teil benannt, zum Teil nachgeahmt von den mit ihnen nicht so vertrauten Akteuren. In andere Körper also über-setzt.

„Not Punk, Pololo“ hat die lockere Anmutung einer Session, als tanzten sich nebenbei Hip-Hopper warm. Es verweigert Formung und Dramatisierung, wenn man davon absieht, dass alle paar Minuten das Publikum geblendet wird. Ein sympathisch disparater Haufen Musiker und Tänzer wird losgelassen. Aber dass es die mehrfach beschworene „Authentizität“ nicht gibt, jedenfalls nicht bei den sich hier fröhlich überlappenden Tanz- und Musikstilen, hat man schneller kapiert, als einem dieser Abend zutraut.

www.tanzplattform2016.de

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