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Tanzfestival Mainz Wann ist ein Mann ein Mann?

Das „Tanzmainz Festival #1“ lässt zum Abschluss finnische und andere Kerle auftanzen. Die erste Nummer überzeugt mit einer schönen Bandbreite an Stilen und Stimmungen. Hoffentlich findet sich im nächsten Jahr wieder ein Geldgeber.

Beim neuen Tanzfestival in Mainz: Mächtig sich verausgabende Männer in „Morphed“. Foto: Heikki Tuuli

Ehe Anne Teresa De Keersmaekers Klassiker „Drumming“ das neuntägige „Tanzmainz Festival #1“ leichtfüßig zum Abschluss brachte, gehörten die drei Bühnen des Staatstheaters zwei Tage lang vor allem harten und zarten Kerlen und ihren Beziehungen. Unter Choreographen und Tänzern sind heterosexuelle Männer in der Minderheit, aber es ist noch gar nicht so lange, dass das auf der Bühne offensiv und selbstverständlich thematisiert wird.

Die Israelis Niv Sheinfeld und Oren Laor veränderten „Two Room Apartment“, eine fast 30 Jahre alte Choreographie von Liat Dror und Nir Ben Gal, im Grunde nur dadurch, dass statt einer Frau und eines Mannes nun zwei Männer diese unglücklich-glückliche Liebe tanzen. Im Original zum Beispiel arbeitet sich Liat Dror ab, dass ihr die Brust aus dem BH rutscht, während Nir Ben Gal in Unterhose um sie herummarschiert und wie in einer Deo-Reklame an seinen Achselhöhlen riecht. In der neuen Fassung scheint schon allein dadurch, dass zwei Männer auf der Bühne sind, ein größeres Gleichgewicht hergestellt – oder jedenfalls scheinen sich die Gewichte anders zu verteilen.

Ganz simpel, nur mit weißem Klebeband markierten Sheinfeld und Laor im Mainzer U17 ihr Apartment auf dem Boden. Am Abend drauf gab es kaum mehr, nämlich hohle Eier, über die sich Jonas Lopes und Lander Patrick, Portugal, in einem Bogen zuerst voneinander weg, dann aufeinander zu bewegten. Die Schalen knirschten unter ihren Sohlen, „Cascas d’Ovo“ ist das Stück benannt, Eierschalen. Gegen drei der Eier stießen sie an diesem Abend, sie kullerten weg. Denn seinen Charme und seine Spannung bezieht das Stück vor allem daraus, dass Lopes und Patrick die ganze Zeit über (45 Minuten lang) Schlafbrillen tragen und sich immer wieder tastend verständigen und des Gegenübers versichern müssen.

Es sind überwiegend rhythmische Abklatschspiele, auf Armlänge stehen sich Lopes und Patrick gegenüber, Arme und Hände wirbeln. Sie beginnen mit Ohrfeigen, sie enden in einer engen Umarmung und Enthüllung: „I AM KO“ steht beim einen auf dem Rücken, „I AM OK“ beim anderen. Ein leiser Humor zeichnet das Stück aus. Das plötzlich, in den letzten Minuten, die Welt hereinlässt in Form unterschiedlicher Statisten.

Ganz gemischte Beziehungskisten

Um ganz gemischte Beziehungskisten, um erste Annäherung, Freundschaft, Liebe, ums Triezen, Konkurrenz und Eifersucht geht es in Jan Puschs „Figure Out“, einer Choreographie für fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer, die in 75 Minuten reichlich Bewegungsmaterial und viele feine Details abarbeiten müssen. Jan Pusch ist Tanzdirektor am Staatstheater Braunschweig; man erkennt, wie sein Ensemble eingeschworen ist auf seine moderne, schnelle Bewegungssprache. Markante Tänzerinnen und Tänzer prägt man sich bald ein, obwohl „Figure Out“ in seiner Rastlosigkeit und geradezu emsigem Tanz ein wenig monochrom wirkt.

Aber das ist auch, am Abend zuvor im Großen Haus des Staatstheaters, „Morphed“ von dem sicher bekanntesten finnischen Choreographen Tero Saarinen. Wann ist ein Mann ein Mann, hätte sein Arbeitsmotto lauten können. Seine überwiegend bärtigen Kerle, acht sind es insgesamt, sollen sich selbst finden und tanzen dazu mächtig auf.

Saarinen war vor einigen Jahren ein Shootingstar der internationalen Tanzszene. Seine rauen, gern dunkel wispernden Choreographien lassen sich leicht in einem rauen, große Teile des Jahres recht dunklen Land verorten. Und eben jetzt auch die acht kraftvollen Tänzer, die mal mehr Wikinger, mal mehr Wichtel sind. Der finnische Modeschöpfer Teemu Muurimäki hat ihnen schwarze Kapuzenjacken entworfen, die große Achsellöcher haben, so dass man an den animalischen Schweiß erinnert wird, den sie vergießen.

Die Musik ist von Esa-Pekka Salonen und tost immer wieder gewaltig. Und dramatische Laokoon-Assoziationen stellen sich ein, wenn sich mal dieser, mal jener Tänzer in die ringsum wie ein Vorhang hängenden dicken Seile wickelt.

Kurz nach der Uraufführung war „Morphed“ beim Mainzer Tanzfestival als deutsche Erstaufführung zu sehen, ein Stück mit bezirzend sonderbarer, herber Stimmung. Überhaupt wusste dieses erste Mainzer Tanzfestival mit einer schönen Bandbreite an Stilen und Stimmungen aufzuwarten. Hoffentlich findet sich im nächsten Jahr das Geld für ein „Tanzmainz Festival #2“.

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