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Tanzbiennale „Dance“ München sucht den Superstar

Die Tanzbiennale „Dance“ fällt zu ihrem Glück gleich zu Beginn in die Hände von Piraten. Der Abend ist eine Kreuzung zwischen Disco, Aufführung und Casting-Show.

Kennt die Zutaten für zukunftsweisendes Tanztheater: Richard Siegal eröffnete „Dance“. Foto: Hillary Goidell

Die einen twittern glücklich, dass sie die letzten Karten bekommen haben. Jemand anderer schreibt, dass es leider keine Karte mehr gab, wünscht aber trotzdem eine schöne Party mit den Piraten. Und bald steht auf der großen, halbrunden Projektionswand auch: „Stoppt Stuttgart21“. Die Münchner Biennale „Dance“ hat Richard Siegal, ehemals Tänzer bei William Forsythe, gebeten, für eine zünftige Eröffnung zu sorgen: Da hat er in seiner Bäckerei (seine Projekte firmieren auch unter The Bakery) in der Tat Ungewöhnliches hergestellt. Titel des Abends: „coPirates“. Besonderheit: Er ist eine Kreuzung zwischen Disco, Aufführung und München sucht den Superstar.

Das Fest kommt erstaunlich schnell in Schwung. An einer Theke gibt es Getränke, auch alkoholische. Auf der riesigen elektronischen Pinnwand reihen sich Botschaften; jeder, der ein entsprechendes Handy dabei hat, kann was senden. Und einige professionelle Tänzerinnen und Tänzer im Publikum sorgen dafür, dass bald die meisten sich dem Rhythmus ergeben.

Tanznester entstehen. Eine, zwei, drei Polonaise-Reihen schlängeln sich durch die Muffathalle. Auf einer Empore sitzen die Dirigenten des Abends, sitzt auch Alexeij Sagerer, der wilde alte Mann der freien Münchner Theaterszene, und röhrt und rappt.

Richard Siegal hat sich seine Akteure, seine Talente größtenteils vor Ort gesucht. Mitglieder des „Attac-Chores München“ sind der erste Programmpunkt, plötzlich stehen sie als singende Schatten hinter der Projektionswand. Dann sind Lederhosen-Träger dran, sie nennen sich d’Schwuhplattler und pflegen die Tradition sichtlich mit Freude. Im Gestänge, auf dem die Empore steht, tummeln sich Ausübende von Parkour: Das sind die, die über Zäune und Mauern hinweg quer durch die Stadt springen und sich hangeln. Und die Frauen des ungarischen Folklore-Ensembles Regös balancieren, feine Figuren tanzend , halbvolle Rotwein-Karaffen auf dem Kopf. Zwischendurch sind immer mal wieder die Profis dran: Yvonne Madrid singt, auch große Oper, die Tänzer machen zu Playback auf flippige, sexy Popstars.

Jeder „coPirates“-Abend kann nur anders sein. Am Samstag jedenfalls war die Stimmung großartig. Ausgelassen. Freundschaftlich. Und zuletzt fast andächtig. Es ist ein Nachbarschaftsprojekt ganz eigener Art, ein Experiment, das auch in die Theater-Zukunft weist, obwohl es nicht beliebig wiederholbar ist.

Am Eröffnungswochenende von „Dance“ gab es freilich auch das für ein Festival modernen Tanzes Übliche. Eine seit Jahrzehnten die Szene prägende Figur, Raimund Hoghe, stellte seine Arbeit in einer Lecture Performance vor, zeigte Videos, zelebrierte einige Ausschnitte seiner rituell anmutenden Stücke live, erklärte sie allerdings weitgehend mit Plattitüden: Dass Musik die Atmosphäre eines Theaterraums, einer Aufführung verändert, ach ja, dass Gegenstände im Raum die Wahrnehmung des Raums prägen, dass er mit Körpern „schreibt“. Über die Callas erfährt man an diesem Nachmittag einiges, über Raimund Hoghes Kunst herzlich wenig. In einer weiteren ehemaligen Fabrikhalle Münchens gab es eine weitere Uraufführung: In dem relativ neuen Veranstaltungsort „schwere reiter“ zeigten Déjà Donné, das sind der Italiener Simone Sandroni und die Tschechin Lenka Flory, ihr Projekt „Not Made for Flying“. Es geht um Erdung und Schwerkraft, um Beschränkungen und Körper-Aufgaben. Von ganz einfachen geometrischen Figuren und ihrer Darstellung im Raum, einem Punkt, einer Linie, einem Dreieck, arbeiten sich die sieben Tänzerinnen und Tänzer vor zu komplizierten, zu solchen, denen der Laienblick nicht mehr zu folgen vermag.

Die Geschwindigkeit erhöht sich, aus Einzelaktionen (eine Tänzerin zeigt uns ihren Ellenbogen, eine andere rundet die Lippen = Punkt) wird intrikater, fast artistischer Tanz. Man neckt sich, man denkt sich ein Erde-Mond-Jupiter-Spiel aus: Bei „Erde“ ist alles normal, bei „Mond“ schweben die Gliedmaßen wie Federn, der verminderten Schwerkraft wegen, bei „Jupiter“ (zweieinhalb Mal die Schwerkraft der Erde) schlagen die Tänzer lang hin, mindestens aber ziehen sie bleischwere Arme runter auf den Boden.

Der Mensch ist eben „zum Fliegen nicht gemacht“. Der Titel bewahrheitet sich für eine der Tänzerinnen gleich an diesem ersten Aufführungsabend leider auf schmerzhafte Weise, sie kugelt sich bei einem Sturz die Schulter aus und muss abbrechen. Ihre sechs Kollegen machen weiter. Und zeigen, wie aus einem Spiel mit Regeln, einem Erforschen von Möglichkeiten ein hübsches Stück Tanz werden kann. Zuletzt auch ein irgendwie politisches Stück: Déjà Donné haben sich auf Bob Dylans Ballade vom schwarzen, zu Unrecht verurteilten Boxer Hurricane besonnen. Der neue Tanz bemüht sich wieder um gesellschaftliche Relevanz – das aber gut gelaunt.

Dance München: bis 6. November. www.dance2010.de

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