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Tanz Spring, Pferdchen

„Grandes Dames“ des Tanzes, gewürdigt im Stuttgarter Theaterhaus von Gauthier Dance.

Tanz
Gern dressieren sie sich auch gegenseitig, die Menschenpferde Helena Waldmanns. Foto: Regina Brocke

Noch magerer als, zum Beispiel, für Theaterintendantinnen und Filmregisseurinnen scheint das (Arbeits-)Feld für Choreografinnen zu sein – doch hat sich im Tanz, mangels Masse, noch nicht einmal eine Initiative formiert, die ein größeres Stück vom Kuchen fordert. Choreografinnen lassen sich, jedenfalls hierzulande, an einer Hand abzählen; selbst Sasha Waltz wird ihre Berliner Intendanz mit einem Stück der nicht zufällig inzwischen allgegenwärtigen Israelin Sharon Eyal beginnen.

Ein vierteiliger Abend in Stuttgart, der „Grandes Dames“ überschrieben ist und Tanzfrauen würdigen will, schummelt denn auch ein bisschen: Zwei der Stücke sind tatsächlich von Choreografinnen, die zwei anderen von Männern. Doch hat Marco Goecke sich immerhin zu einer kleinen Hommage auf Pina Bausch überreden lassen, beschäftigen sich Eric Gauthier und Andonis Foniadakis mit der einzigartigen Louise Lecavalier, lange Jahre Startänzerin bei La La La Human Steps. 

Lecavalier, die in diesem Jahr 60 wird, hat den 13-jährigen Eric Gauthier einst schwer beeindruckt, wie er in einer kleinen Einführung erzählt. Als Choreograf des ersten Teils, eines Duos, von „Electric Life“ macht der Chef der fabelhaften Gauthier Dance Company nun aber den Fehler, eine seiner Tänzerinnen quasi als Double in den Ring zu schicken – in einen Kampf, den sie nicht gewinnen kann, denn die Muskularität, Wildheit und Kantigkeit Louise Lecavaliers sind unvergleichlich. Als Choreograf des zweiten Teils hält Foniadakis mehr Abstand zu dem extremen Human-Steps-Bewegungsvokabular, mit dem die Kanadierin berühmt wurde, und setzt auf furios bewegte Ensembles. 

Marco Goecke, designierter Ballettdirektor in Hannover, ist geborener Wuppertaler und war als solcher früh den Eindrücken großer Pina-Bausch-Abende ausgesetzt. Er schuf nun mit „Infant Spirit“ ein einerseits für ihn typisches, nämlich kantig-hektisches, untergründig brodelndes Solo. Man konnte andererseits tatsächlich wahrnehmen, wie er Pina Bausch gleichsam ein Stück entgegenkam, mit hier mal einer etwas weicheren Armbewegung, dort mal ein paar zierlichen Pirouetten. Die Würdigung aber steckte vor allem in der melancholischen Intensität des zehnminütigen Solos, das am Mittwoch von Nora Brown tief expressiv getanzt und vom bezaubernd jammerigen Gesang Antony Johnsons begleitet wurde. 

Virginie Brunelle ist eine frankokanadische Landsfrau Gauthiers, die nun zum ersten Mal für eine europäische Company arbeitete. Ihr etwa 20-minütiges Ensemblestück „Beating“ zielt auf den Herzschlag und also auch die Liebe ab. Brunelle setzt nicht auf das Spektakuläre, vielmehr zu Musik von Liszt, Górecki und Max Richter auf feingewebte, beziehungsreiche Bewegungsfolgen. Ihre Handschrift fällt zwar nicht durch große Originalität auf, doch vermeidet sie auch jedes Klischee. Der Tanz ist bei ihr ein zart wispernder und dezent funkelnder Fluss. 

Die zweite Choreografin, die Gauthier für seinen „Grandes Dames“-Abend gewinnen konnte, ist eine aus der Handvoll deutscher Tanzschöpferinnen von Belang: Helena Waldmann. Sie ist so wandlungsreich wie dezidiert politisch, hat mit Iranerinnen, in deren Heimat kein Tanz erlaubt ist, ein Tanzstück im raffinierten Schutz von Ein-Frau-Zelten erarbeitet („Letters from Tentland“), hat das Schicksal von Textilarbeiterinnen in Bangladesch in einem Tanztheaterstück verhandelt, packte in „BurkaBondage“ die islamische Bekleidung in Beziehung zu japanischer Sex-Verschnürung. 

Unerwartet gibt es in „We Love Horses“ – Thema laut Programm: die deutsche Lust am Gesetz und am Parieren – fünf Zirkuspferdchen mit wippender Fasanenfeder und prallem Kunststoffhinterteil, außerdem eine Domina auf Stelzen, die eine Peitsche schwingt und ohrenbetäubend knallen lässt. Viel Ansporn brauchen die Pferdemenschen nicht, gern dressieren und reiten sie sich auch gegenseitig, lassen den Kollegen herrisch im Kreis gehen, stehen auf seinem Rücken oder befehlen ihm, höher und noch höher zu springen (über Gesetzeshürden?). Waldmann liebt die Drastik, „We Love Horses“ spricht eine eindeutige, sexuell konnotierte Bewegungssprache. 

Eric Gauthiers am Theaterhaus beheimatete Company beschließt mit „Grandes Dames“ die bereits elfte erfolgreiche Spielzeit und ist mittlerweile eine ernsthafte Konkurrenz für das Stuttgarter Ballett, das sich unter seinem im Herbst startenden Chef Tamas Dettrich neu wird beweisen müssen. 

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