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Tanz in Mannheim Und dann und wann ein Charlie

Divers kolorierte Choreografien von Stephan Thoss, Giuseppe Spota und Marco Goecke am Nationaltheater Mannheim.

Mannheim
Die Nervosität der Gegenwart tanzend: Julia Headley in Marco Goeckes „Nichts“. Foto: Hans Jörg Michel

Als Stephan Thoss’ Tanzstück „La Chambre Noire“ vor sechs Jahren in Wiesbaden Uraufführung hatte, tanzte Giuseppe Spota den Außenseiter, im schwarzen Zimmer unter lauter schwarz Gekleideten die einzige Figur, die Weiß trug. Inzwischen ist Spota ins Choreografenfach gewechselt. Nach „clairdeL’UNE“ im vergangenen Jahr steuert er nun ein weiteres Stück zu einem dreiteiligen Tanzabend im Mannheimer Nationaltheater bei. Dort scheint Thoss in zweiter Saison aufs Beste angekommen und akzeptiert zu sein als Nachfolger von Kevin O’Day. Diesmal machte er die Mannheimer auch mit dem ganz besonderen Stil Marco Goeckes bekannt, das Ensemble tanzt zum Abschluss des langen Abends dessen „Nichts“, das 2008 beim Nederlands Dans Theater Uraufführung hatte.

Von zeitloser Eleganz erscheint „Chambre Noir“. Umgrenzt von rollbaren Vorhangwänden sind die Tänzer überwiegend Vereinzelte, über die Bühne Gewehte, Irrende oder sich durch einen der Vorhänge Hereintastende. Die ohnehin nicht anschmiegsame Bewegungssprache von Thoss ist hier noch eine Nuance eckiger, darum auch dunkler in der Anmutung. Etwas lichtere Momente entstehen durch Einsprengsel von Bach und Mendelssohn Bartholdy in eine Klangcollage.

Strawinsky wie auch Monteverdi, dazu die Geschichte von „Petruschka“ hat sich Giuseppe Spota diesmal ausgesucht für ein nagelneues Stück. Drei Puppen erwachen zum Leben, Petruschka, der Kasper, verliebt sich sogleich in die schöne Ballerina, die neigt aber dem feschen Mohren zu. Im eifersüchtigen Streit tötet dieser Petruschka.

Spota macht alle, auch die in Michel Fokines Ursprungschoreografie zusehende Menschenmenge, zu Crashtest-Dummies. Eleni Chavas Kostüme teilen die Körper mit schwarzen Strichen in Segmente auf. Metallen-mechanisch wirken die Rohrfelder des Bühnenbilds (Spota). Das Ensemble tritt auf wie Puppen, die herumgeworfen werden, aber dann kommt ein Herz – Silvia Cassata mit angedeuteten Blutgefäßen auf dem Trikot - und bringt Gefühle ins Spiel. Besonders Petruschka, Tenald Zace als reiner Tor, reagiert auf den Lebenspuls.

Die Dummy-Idee ist zunächst bestechend, aber es fehlt eine puppenhafte Einheitlichkeit der Bewegungsqualität, die dann wiederum von menschlichen Impulsen, von blutdurchströmten, munteren Schwüngen zum Beispiel, gebrochen werden könnte. Auch knirscht es mitunter zwischen der Choreografie und der Musik, und aus dem Knirschen schlagen keine Funken. Nach Spotas wirklich feinem „clairdeL’UNE“ ist ihm der Zugriff auf den Stoff diesmal nicht so richtig gelungen.

Dafür ist zuletzt Marco Goeckes „Nichts“ überhaupt kein Nichts, sondern eine Fülle, die trotzdem immer zusammengehalten wird durch die charakteristische, schlank erscheinende Handschrift des Choreografen. Kennzeichnend sind kleine, nervöse Zappelbewegungen, eine fiebrige Hektik, die plötzlich in eine große klassische Geste münden kann. Die Menschlein sind wie elektrisiert, es treibt sie um und um. Ins „Nichts“ könnte man eine Herbststimmung assoziieren, rötliche Blätterschnipsel werden verstreut, aber es knallt doch auch eine Konfettikanone. Die drängende Gitarre von Jimi Hendrix führt zu einem Furor wirbelnder Arme, jedoch überwiegt das still-konzentrierte Piano Keith Jarretts, zu dessen entspannten Melodielinien die Tänzer in ihren hoch in die Taille reichenden schwarzen Hosen bisweilen wie melancholische Charlie Chaplins wirken.

Der kommende Stuttgarter Tanzchef Tamas Detrich wollte Goecke nicht mehr als Hauschoreografen verpflichten. Aber das Jahre alte „Nichts“ zeigt aufs Überzeugendste, dass er eine so individuelle wie innovative Tanzssprache spricht, wahrhaft eine des 21. Jahrhunderts. Wie schön, dass man sie nun in Mannheim sehen kann.

Nationaltheater Mannheim: 18. Januar, 18., 22. Februar.

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