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Tanz in Kassel Sie stürmen durch eine harte Welt

Menschen rasen, Musik flimmert: Es ist ungemütlich im jüngsten Tanztheater-Stück am Staatstheater Kassel, „You will be removed“ von Tanzdirektor Johannes Wieland.

Vom Fallen und Sich-Verdrehen: Tänzerin Gotaute Kalmataviciute am Staatstheater Kassel. Foto: N. Klinger

Seit bald zehn Jahren ist Johannes Wieland Tanzdirektor am Kasseler Staatstheater. Er pflegt dort mit einer kleinen, aber zähen Truppe – acht feste Tänzerinnen und Tänzer, dazu der eine und andere Gast – eine Art von Tanztheater, das heutzutage nicht mehr sehr originell, aber auch noch nicht verbraucht ist. Die Mischung aus vehementem Tanz, ein wenig Text, ein wenig Spiel, Gesang manchmal, trägt allemal über einen kompakten, bei der jüngsten Premiere 75-minütigen Abend. Und Wieland versteht sich darauf, die Stimmung angespannt zu halten.

„You will be removed“, du wirst beseitigt werden, heißt diese Uraufführung in Kassels Schauspielhaus. Wielands Unbehauste bewegen sich diesmal durch ein trockenes Schwimmbecken (Bühne: Momme Röhrbein), an der Rückwand mahnt eine Schrift: Danger Deep End.

Es gibt ein paar Plastikstühle, einen trostlosen Zimmerpalmenrest, ein bisschen Krempel, Eimer, Einkaufswagen, Klamotten; wohnlich geht anders. Wände, Stufen, Geländer sind zum Anrennen, Runterfallen, Hochhangeln. Vor allem die Beine der meist Kleid tragenden Tänzerinnen (Kostüme: Stefanie Krimmel) dokumentieren die Risiken des sportlichen Furors: Sie sind mit blauen Flecken und Abschürfungen gezeichnet.

Die Musikauswahl – unter anderem von Grace Slick, Neuromancer, The Prodigy – ist so eckig, flimmernd und nervös wie der Tanz.

Menschen mit „Wachheitsüberschuss“

„Ich will doch nur in Ruhe meine Bahn ziehen“ ist der Start-Satz zu diesem unruhigen, drängenden Stück. Man springt sich gegenseitig an, man wirft sich in den Raum und an die Wand, versucht, im Sprung die Richtung zu wechseln. Auf dem Programmblatt wird Peter Sloterdijk zitiert, Gedanken zum Menschen „als Werfer und Schütze“. Homo sapiens, so Sloterdijk dort, hebt den Kopf, er schaut ins Feld und er verfügt über einen „Wachheitsüberschuss“. Allemal kann man Letzteres von so massiv, so energisch tanzenden Menschen sagen, wie man sie in einem Stück von Johannes Wieland findet.

Sie sprechen übers Fallen und Sich-Verdrehen. Sie wollen „extreme Freiheit“ oder nur Dinge lieben, „die dich zurücklieben können“. Sie plappern ins Telefon. Eine Tänzerin arbeitet sich kurz an einer E-Gitarre ab – aber so knapp, ziellos, unmotiviert, ehe sie wütend mit Bühnenkrempel schmeißt, dass das eine der schwächeren Szenen ist.

Die stärkeren entstehen aus Momenten der Stille, des Beobachtens und dann plötzlicher Bewegungsexplosion. „You will be removed“ zeigt keine Menschen, die mit sich ins Reine kommen können.

Sie wissen nicht, wohin sie wollen. Sie ändern permanent die Richtung. Sie stürmen durch ihre harte kleine Welt, arbeiten sich ab, erzählen fragmentierte Geschichten. Einmal buchstabieren sie E-U-R-O-P-A, sagen trotzig „Wir sind alle gleich“, aber Wieland walzt diesen aktuellen Appell nicht aus.

Gegen Ende des Stückes werfen sie sich in reinweiße Schale, als wollten sie nun alle Engel werden. Sie meinen: „We can do so much better.“ Aber das ähnelt dem Pfeifen im Wald. Hinter diesem Schwimmbad liegt keine andere Welt.

In besonderem Maße und relativ unumwunden erzählt Johannes Wielands Tanztheater von den Verlorenen und Verwirrten. Das ist beileibe kein Ansatz, den er exklusiv hat. Doch hat seine Choreographie einen gewissen, nicht unbeachtlichen „Wachheitsüberschuss“.

Staatstheater Kassel: 27., 29. Januar. 2., 6., 21., 24. Februar.www.staatstheater-kassel.de

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