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Tanz Herr und Knecht

Jacopo Godanis „Extincton of a Minor Species“ in einer Neufassung im Bockenheimer Depot.

Tanz
Keine Partisanen: Die Reaktion auf die Unterjochung ist hier stets ein getanztes Entfleuchen. Foto: Dominik Mentzos

Zur selben Zeit, als vor einem Jahr die erste Fassung von Jacopo Godanis „Extinction of a Minor Species“ Premiere feierte, mahnte der Astrophysiker Stephen Hawking, die Menschheit müsse binnen der nächsten 100 Jahre auf einen neuen Planeten siedeln, sonst werde sie durch selbstgemachte Probleme aussterben. Nun ist das Stück der Dresden Frankfurt Dance Company in einer Neufassung zurück im Bockenheimer Depot, und Hawkings Befürchtungen dürfen mitgedacht werden.

Die erste Szene enthält bereits alles. In der Mitte der Bühne steht ein Haufen aus blassen Körpern zur wuselnden Laokoon-Gruppe vereint, die gewaltsam von vier männlichen Wächtern aufgelöst wird, welche auf Beinprothesen durch das Geschehen stapfen. Am rechten Bühnenrand sitzen auf Podesten vier Männer, deren Leiblichkeit im Vergleich zum restlichen Ensemble fast vollständig sublimiert ist.

Anders als der Titel („Aussterben einer unbedeutenden Spezies“) vermuten lässt, wird hier weniger das Bild eines biologischen, sondern vielmehr das eines sozialen Kasten-, Stände-, oder Klassensystems gezeichnet; Gemeinsamkeiten und soziale Mobilität werden immer wieder angedeutet.

Schwarzes Geschirr mit Dressurstab

Herr und Knecht, wie es bei Hegel heißt, sind das Thema, Dom und Sub, wie man es in der BDMS-Kultur formulieren würde. An letztere ist teilweise auch die spärliche Kostümierung angelehnt. Die unterste Kaste trägt nichts als ein schwarzes Geschirr am Leib, an das ein Dressurstab gekoppelt werden kann. Die minotaurischen Wächter tragen schwarze Tiermasken und ebenfalls ein Geschirr, die oberste Kaste ist in eine Motorradmontur gekleidet und verharrt zumeist auf ihren dreistufigen Podesten. Diese Beobachterposition macht den restlichen Raum der Bühne zur Kampf- und Tanzarena. Diese Motorradmontur eröffnet außerdem einen Verweisrahmen auf das (häufig von der Mythologie inspirierte) Science-Fiction-Genre. Die Anzüge und die Kulisse aus Metalloberflächen und Neonlicht erinnern an den Film „Tron“ (1982), einige Choreografiestücke lassen sich auf Tanzszenen in „Metropolis“ (1927) beziehen. Die elektronischen Klangwelten von 48nord, gepaart und erzeugt durch das Piano von Hermann Kretzschmar und die Streicherinnen des Kubus Quartett, tun ein Übriges, um das Geschehen epochenübergreifend zu kontextualisieren.

Die Reaktion der Unterjochten ist nie der Partisanenkampf, sondern stets ein getanztes Entfleuchen. Wenn sich die Frauen von ihren Kaulquappen-artigen Masken befreien, dann nur kurzzeitig. Die Choreografie bezieht gezielt Bewegungen aus der Tierwelt ein, doch umso heftiger die animalische Gebärde, desto stärker zeigt sich das Menschliche, Allzumenschliche. Die zivilisierte Unterdrückung ist brutaler als jede tierische Grausamkeit.

In der Mitte des Stücks scheint sogar eine Assimilierung der untersten Kaste möglich, für einen kurzen Augenblick tragen sie ebenfalls schwarze Tiermasken, während sie über den Boden kriechen. Aber selbst das schützt sie nicht. Während die Kaste ausgerottet wird (sie stirbt nicht einfach aus), fragt man sich, ob die Täter sich damit nicht ihr eigenes Grab schaufeln.

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