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Tanz Gläser, die auf Haaren gleiten

Das Tanztheater Wuppertal wagt eine Uraufführung, in der alles sehr an die große Pina Bausch erinnert.

Fast alles spielt zwischen Mann und Frau: Scott Jennings und Breanna O?Mara in ?Seit sie?. Foto: Julian Mommert

Fast neun Jahre nach dem Tod von Pina Bausch musste das Tanztheater Wuppertal endlich einen Schritt in eine Zukunft tun, die dem Repertoire des Ensembles neue Werke hinzufügt, baute es doch bis heute ausschließlich auf die weltweite Nachfrage nach den Stücken der Künstlerin. Für diesen bedeutungsvollen Schritt wurde 2017 Adolphe Binder als Intendantin berufen, die nicht selbst choreografiert, aber bereits das Tanztheater der Komischen Oper Berlin und die Danskompani Göteborg leitete. Sie wird sich der ungeheuren Erwartung bewusst gewesen sein, die jede Ankündigung einer Uraufführung beim Tanztheater Wuppertal wecken muss (es kam nicht nur tout Wuppertal am Samstagabend ins Opernhaus), und so verteilte sie die Last auf „Neues Stück I“ und „Neues Stück II“. Der zweite Abend, eine Choreografie des Norwegers Alan Lucien Øyen, wird am 2. Juni Premiere haben.

„Neues Stück I“ heißt inzwischen „Seit sie“ – und es kann eigentlich mit dem „sie“ nur Pina Bausch gemeint sein. Ergänzen muss sich jeder diese zwei Wörter selbst. „Seit sie“-Schöpfer Dimitris Papaioannou ist Jahrgang 1964, studierte in Athen Malerei, gründete aber 1986 ein Tanztheater, inszenierte 2004 die Eröffnungs- und Abschlussfeier der Olympischen Sommerspiele, arbeitete immer internationaler auf Theaterbühnen. Es mögen seine vielfältigen Erfahrungen sein, die ihm nicht nur den Mut gaben, den Wuppertaler Auftrag anzunehmen, sondern ihn auch mit 17 der Tänzerinnen und Tänzer ein Stück inszenieren ließen, dessen Szenen, Bilder, optischen Gaukeleien entschieden pina-bauschig sind.

Vom ersten Augenblick an ist das so: Da schaut links einer ums Eck, hebt einen schwarzen Stuhl auf die Bühne, steigt drauf, langsam folgen weitere Akteure und weitere Stühle, die als Trittsteine dienen. Die nie absteigende, nie den Boden berührende Karawane bewegt sich von links nach rechts, wo sie wieder in der Kulisse verschwindet. Die Männer tragen in der Mehrheit schwarze Anzüge, die Frauen lange schwarze Kleider, dazu Pumps (Kostüme: Thanos Papastergiou). Haargenau so hätte ein Stück von Pina Bausch beginnen können.

Auch hat Bühnenbildnerin Tina Tzoka im Hintergrund (Schaumstoff-)Felsen aufgeschichtet, einen Landschaftsausschnitt suggerierend, wie sie bei Bausch oft die Bühne füllten. Gleich erscheint eine Sirene auf der Klippe, zerrt eine andere Tänzerin einen ganzen Baum die Felsen hoch. Indessen am Bühnenrand einer auf der Lehne eines umgedrehten Stuhls balanciert, indessen hinten an einem Tisch einer den Zimmermann gibt, indessen auf dem ausgebreiteten langen Haar einer liegenden Frau Gläser mit Wasser platziert werden. Ein Tänzer zieht seine Kollegin ganz langsam an den Knöcheln über den Boden, die im Licht blinkenden Gläser wandern auf ihren Haaren mit. Ein wirklich schönes Bild.

Papaioannou hat viele wirklich schöne, auch Mythologien zitierende, poetische Bilder erdacht (zu einem jedenfalls nicht störenden Musikmix, von Bach bis Verdi und Waits). Eine Frau wird zum Tausendfüßler, eine andere zum Heiligen Sebastian, eine dritte lässt das Goldene Vlies assoziieren. Die Männer kreiseln die Frauen auf verschiedene Weise, über die Stühle hinweg oder während sich die Partnerin nur an einem Stock festhält. Hinten gleiten immer wieder Akteure langsam den Felsen hinunter. Rohre werden zu langen Gliedmaßen, später gleiten umgedrehte Tische wie Floße über ein rollendes Rohre-Meer. Es sind Traumbilder, manchmal surreal, manchmal skurril, manchmal zart ironisch. Und wie bei Pina Bausch spielt sich fast alles zwischen Mann und Frau ab. Er bedeckt mit ihren Haaren stolz seine Scham. Sie melkt seine Wurst (eine Brühwurst) in eine Schüssel mit Mehl und legt dann noch ein Ei dazu.

„Seit sie“ ist eine Nachempfindung, auch eine Würdigung. Papaioannou hat sich den Bausch-Stil anverwandelt, sich für eine durchgängige Bausch-Anmutung seines Stückes entschieden. Bis zu den dramaturgisch präzise genutzten Wiederholungen von Bildern und Motiven. Bis zum Start einer Polonaise, wie sie in jedem Bausch-Stück vorkommt – aber dann bleibt es hier beim Antippen.

Und da muss nun endlich die Leerstelle zur Sprache kommen, die der 80-minütige Abend vielleicht gerade deswegen so stark hervortreten lässt, weil seine Szenen und Aktionen an die charakteristischen, zauberhaften Theater-Spielereien der großen Choreografin erinnern: Es fehlt der eigentliche Tanz.

Die Stücke Pina Bauschs waren etwa doppelt so lang; sie waren es, weil in der Regel jeder Tänzerin, jedem Tänzer mindestens ein Solo zugedacht war, außerdem immer wieder auch das Ensemble in Bewegungsfeuerwerke ausbrach. Es war eben Tanz-Theater – mit ungefähr gleichberechtigten Anteilen. Diese Uraufführung aber ist stummes Theater, Tableaus, der Tanz dabei das Salatblättchen am Tellerrand.

Vielleicht ist darum noch ein zweiter Choreograf am Start, vielleicht wird er am 2. Juni die Wuppertaler Tänzer auch richtig tanzen lassen. Und vielleicht ist dann alles gut mit diesem Start in eine Zukunft.

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