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Tanz Bereits erschöpft vom Leben

Heidelbergs neuer Tanzchef Iván Pérez stellt sich mit dem melancholischen Stück „Impression“ vor.

Theater
Kein Auftrumpfen, aber doch ein filigraner Menschenturmbau. Foto: Alwin Poiana

Die Millennials halten den Ball gern flach. Es liegt ihnen wohl nicht, sich zu recken, strecken, sie trumpfen und stampfen nicht auf. Nicht ihr Ding. Stattdessen senken sie den Kopf, ziehen sich zurück, kehren um, sinken, gleiten zu Boden, rollen langsam über die Schulter und immer nach hinten ab, als seien sie vom Leben bereits erschöpft. Sie tragen zurückhaltende Kleidung in Beige-, Grau-, Rosatönen (Kostüme: Carlijn Petermeijer). Die Millennials sind dauerhaft melancholisch, wie es scheint. Nicht einmal, wenn sie mit Laserpointern spielen, haben sie Spaß.

Im Spätsommer hat sich Heidelbergs neuer Tanzchef Iván Pérez mit einer Performance im Freien in einem kleinen Park vorgestellt. Jetzt ist „Impression“ – ein Titel wie ein weit offenes Scheunentor – sein erstes großes Stück im Marguerre-Saal. Der katalanische Komponist Ferran Cruixent, geboren 1976, hat dafür eine Folge von „Impressionen“ (01-10) geschrieben, durchaus abwechslungsreich vom zarten Harfenplinkern bis zum tiefen Trommelwummern. Diese Musik will ein kräftiges atmosphärisches Zeichen setzen, manchmal allerdings neigt sie dabei zu Melodramatik.

Darauf, dass es in Musik und Stück um sogenannte Millennials, also zwischen 1980 und 2000 Geborene geht, kann einen natürlich nur das Programmheft bringen, denn keine Tanzbewegung vermag das auszudrücken. Pérez selbst erzählt in einem kleinen Text, wie es in prägte, 1983 geboren zu sein, wie ihn besonders die technologischen Veränderungen prägten. Er macht sich Gedanken um Privatsphäre und Abhängigkeit von Geräten, um Informationsflut und Isolation. Nur können Körper diese spezifischen Sorgen und Probleme eben nicht darstellen.

Vermittelbar ist dagegen eine Stimmung, hier auch mittels eines Dämmerlichts, eines Halbdunkels über weite Strecken. Pérez beginnt mit dem Solo eines Tänzers, der einen Lichtpunkt – fast möchte man sagen: nachdenklich – über seinen Anzug wandern lässt. Dann kommen andere hinzu (insgesamt sind es elf), eine Reihe bildet und dreht sich langsam um eine Achse. Am Boden entstehen wenig später mit der liegenden Tänzerreihe aparte Muster und Figuren. Ein wenig erinnert der Einsatz der Beine an Wasserballett. Sie winken, schwanken und biegen sich, die Variationen sind vielfältig.

Iván Pérez sieht sich selbst vor allem durch seine Zeit beim Nederlands Dans Theater beeinflusst, möglicherweise hat er von dort die Neigung zum Leisen, Feingezeichneten mitgebracht. Das freilich, und in seiner „Impression“ ist es so, auch etwas matt und arg monochrom wirken kann. Zwei Tänzerinnen mit nackten Oberkörpern schmieren sich gegenseitig mit schwarzer Farbe ein. Sie nehmen sich aber Zeit, winden sich umeinander, gleiten übereinander, verknoten sich in Maßen. Würden sie etwas sagen, wäre es: Ach. Die Musik weint dazu. Tänzer halten ihre Mäntel hoch wie Segel, aber daraus folgt kein Start. Das Ensemble bewegt sich am Ende immer wieder nach vorne, aber da die Darsteller das einzeln tun, während Kollegen schon wieder umgedreht haben und nach hinten gehen, hat auch diese Szene keinen Schwung und strahlt kaum Energie aus.

„Impression“, mit Pause knapp zwei Stunden lang, macht den Eindruck, dem neuen Tanzchef in Heidelberg sei durchaus an einem großen Wurf – mit Auftragskomposition, mit Orchester – gelegen gewesen. Dabei bedient sich Pérez nicht so vieler technischer und optischer Hilfsmittel (Videos, spektakuläre Kostüme, an Seilen schwingende Tänzer) wie seine Vorgängerin Nanine Linning. Er scheint mehr ein Choreograf des Intrikaten, Stillen, der gedämpften Farben und Bewegungssprache zu sein. Freilich dürfte, nein, müsste das nächste Stück sich auch einmal recken und strecken, auftrumpfen und aufstampfen.

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