Lade Inhalte...

Susanne Kennedy im Porträt Extrem menschlich

Ein Treffen mit Susanne Kennedy, markante Regisseurin und künftige einzige Originaltheaterfrau an der Berliner Volksbühne von Chris Dercon. Und damit eine Art Vatermörderin? „Castorf, Pollesch, Vinge, das sind meine Helden von früher“, sagt sie.

05.06.2015 16:47
Susanne Lenz
Susanne Kennedy, die als einziges Mitglied im künftigen Team der Berliner Volksbühne vom Theater kommt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas/pa

Auf die Berliner Volksbühne kommt Susanne Kennedy erst ganz am Ende zu sprechen. Die Pressefrau hat das Thema für tabu erklärt. Aber jetzt sagt Susanne Kennedy, dass es ein komisches Gefühl sei, mitten in diesen Sturm geraten zu sein. Den Wirbel, der losbrach, als Chris Dercon als Nachfolger von Frank Castorf verkündigt wurde.

„Castorf, Pollesch, Vinge, das sind meine Helden von früher“, sagt sie. Und nun ist sie in eine Art Vatermörderinnenrolle geraten. Ihr Name ist unter denen, die Dercon hervorzauberte und als sein Volksbühnen-Team präsentierte. Dazu die Choreographin Mette Ingvartsen, den Tänzer und Choreografen Boris Charmatz sowie die Filmemacher Romuald Karmakar und Alexander Kluge.

Die Einzige, die vom Theater kommt, ist Susanne Kennedy. „Soll ich vielleicht in Castorfs Fußstapfen treten?“ Es ist eine Frage, die ausdrückt, wie mulmig ihr bei dem Gedanken ist. Sie weiß das alles erst seit ein paar Wochen. Dercons Anruf kam mitten in ihre Schwangerschaftsübelkeit. Ein Treffen, um die Zukunft der Volksbühne zu planen, gab es bislang nicht.

Matthias Lilienthal, designierter Intendant der Münchner Kammerspiele, hat sie derweil als Hausregisseurin angekündigt. Wie das gehen soll? „Ich werde mich auf München und Berlin konzentrieren“, sagt sie. „Die Ruhrtriennale gibt es natürlich auch noch.“ Und mit dem niederländischen Regisseur Johan Simons wird sie in Kontakt bleiben. Er kehrt 2017 von der Ruhr nach Holland zurück.

Berlins rauen Wind kennt sie schon

Susanne Kennedy hat ein Café in Nord-Neukölln als Treffpunkt vorgeschlagen. Sie wohnt nicht weit von hier, seit gut einem Jahr. Ausgerechnet in dieser Ecke, die für Berlins Gentrifizierung und Globalisierung in den vergangenen Jahren steht. Sie ist aus Holland hergezogen, nach 13 Jahren dort. „Ich hatte Heimweh“, sagt sie. Warum Berlin? Ihr Freund lebe hier, der Bruder, Freunde von früher.

Sie fühle sich wohl hier, fast schon Zuhause. „Berlin ist unglaublich schön“, sagt sie. Und in den Cafés sei immer Platz, anders als in Amsterdam. Dass in Berlin ein rauer Wind weht in mancher Hinsicht, hat sie auch schon gemerkt. „Die Kritiken sind gepfeffert.“ Und dann die krassen Reaktionen auf die Neuerungen an der Volksbühne!

Die 37-Jährige, mit Augen so hellblau, dass sie durchsichtig wirken, ist derzeit eine der wichtigsten Regisseurinnen in Deutschland. Für ihre Marieluise-Fleißer-Inszenierung „Fegefeuer von Ingolstadt“ kürte sie die Zeitschrift „Theater heute“ zur Nachwuchsregisseurin 2013, beim Berliner Theatertreffen 2014 bekam sie den 3sat-Preis. Dieses Jahr war sie wieder in Berlin dabei, mit „Warum läuft Herr R. Amok?“.

Susanne Kennedys Theater ist extrem. Schon in „Fegefeuer“ arbeitete sie mit Playback. In „Herr R.“ ist sie noch weiter gegangen, die Schauspieler sprechen beim Playback nicht selbst, das tun Laien. Die Gesichter der Darsteller sind mit Silikonmasken überzogen. Die Inszenierung gleiche einem sadistischen Menschenexperiment, hat die Jury ihre Auswahl begründet. Susanne Kennedy sagt, dass sie verstehen kann, dass Leute das so sehen. Oder, dass sie ihr Theater als kühl und formal beschreiben. Nur empfindet sie es selber anders. „Ich hoffe, dass man auch sieht, dass wir etwas zutiefst Menschliches untersucht haben“, sagt sie.

Sprache unterm Mikroskop

Auf der Bühne, erklärt sie in einem Publikumsgespräch beim Theatertreffen, habe sie die Chance, alles unters Mikroskop zu legen. Körperbewegungen, Gesichter, Stimmen, Sprache. Vor allem Sprache. In „Herr R.“ ist sie so verlangsamt, man hört jedes „äh“, bekommt jede Pause mit. Reden wir wirklich so? „Man bekommt die Chance, darüber nachzudenken, was das eigentlich ist, der Mensch.“

Susanne Kennedy ist so leidenschaftlich, dass man kaum glauben kann, wie zufällig sie zum Theater gekommen ist. Geboren wurde sie in Friedrichshafen am Bodensee, die Eltern Lehrer, der Vater Schotte, daher ihr Nachname.

Sie habe „irgendwas mit Kultur“ machen wollen, nach dem Abitur, habe sich in einem Nebelzustand befunden, landete bei den Theaterwissenschaften in Mainz, spielte eines der lustigen Weiber in „Die lustigen Weiber von Windsor“ beim Studententheater, ohne Abschluss ging sie nach Amsterdam. Ein Kommilitone habe dort die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule machen wollen.

„Okay, da gehe ich mit“, sagte sie. Und erzählt, dass es sehr knapp geklappt hat. „Die Schule fand ich schwierig.“ Verpeilt wie sie noch gewesen sei, fühlte sie sich als Außenseiterin in der „krassen Klasse mit starken Persönlichkeiten“.

Nach der Schule ging es ziemlich schnell. „Ich hatte das Glück, dass ich gleich gesehen wurde und einen Ort hatte, an dem ich meine Sprache entwickeln konnte.“ Und was für ein Ort! Es war das Nationaltheater Den Haag.

Es nervt sie, dass sie immer wieder gefragt wird, wie es weitergehen soll mit ihrem Theater. „Einen Ostermeier fragt man das ja auch nicht.“ Sie versteht schon, dass es an der extremen Form liegt, die sie gewählt hat. Es ist auch nicht so, dass sie auf die Art immer weiter machen will. Aber sie sagt auch: „Für mich ist das noch lange nicht zu Ende.“

Wir haben noch ein Stück Weg zusammen, nach dem Interview. Da erwähnt sie, dass es für sie eigentlich keine Vorbilder gebe, dass sie so oft allein unter Männern sei am Theater. „An der Volksbühne hat kaum je eine Frau inszeniert“, sagt sie. Das wird sich nun ändern.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen