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Stuttgart 21 und Theater Bürgerkrieg, Geschlechterkampf

Stuttgart ist erregt, Kinder haben sie angegriffen mit Wasserwerfern. Wie kann man an einem solchen Tag Theater spielen? Und die Uraufführung von Sybille Bergs "Missionen der Schönheit"? Hier vernichtet sich der Geschlechterkrieg selbst.

In Sybille Bergs "Missionen der Schönheit" erledigt sich der Geschlechterkrieg selbst. Foto: Sonja Rothweiler

Stuttgart ist erregt, Kinder haben sie angegriffen mit Wasserwerfern. Wie kann man an einem solchen Tag Theater spielen? Und die Uraufführung von Sybille Bergs "Missionen der Schönheit"? Hier vernichtet sich der Geschlechterkrieg selbst.

Wie kann man an einem solchen Tag Theater spielen? Stuttgart ist erregt, Stuttgart ist so erregt, wie wahrscheinlich seit den terroristischen Tagen in den Siebzigern nicht mehr. Wie Theater spielen, wenn man nicht weiß, wie man die Fassung wiedergewinnen soll? Was haben sie da nur gemacht, am Morgen im Schlosspark? Kinder mit Wasserwerfern angegriffen? Kinder mit Tränengas vertrieben. Kinder und Jugendliche, die von der Schule befreit waren und im Schlosspark mit Genehmigung demonstriert haben.

Viele, sehr viele Menschen schütteln den Kopf an diesem Tag in Stuttgart. Zerreißt hier gerade etwas? Fassungslosigkeit herrscht über das, was der Tag bringt. Niemand versteht die Massivität des Einsatzes, die Brutalität, die Unverhältnismäßigkeit. Oder will Mappus bewusst provozieren?, fragen sie sich. Im Schlosspark stehen einem Menschen, Polizisten, gegenüber, die aussehen, als würden sie in den Krieg ziehen. Ist hier wirklich Krieg?

Im Schlossgarten, wo die Polizei mit Wasserwerfern und schweren Kränen gegen viele Menschen mit Trillerpfeifen steht, erzählen sich die Stuttgarter wieder und wieder, dass sie es nicht glauben können, was sie gerade miterleben. Sie pfeifen und schreien: „Mappus weg!“ Seit dem Mittag, seit dem Angriff auf die Kinder, schreien sie „Aufhören!“ und „Schämt Euch!“ und „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ Es ist wirklich immer noch friedlich im Stuttgarter Schlosspark, nur der Lärm ist ohrenbetäubend.

„Ich sehe schon, wie erst schwarze Schlägerblocks kommen “, sagt einer, der durch die von den Wasserwerfern aufgeweichte Wiese des Schlossparks geht. Der Mann ist Rentner, er war in der Stadtverwaltung angestellt. Er ist enttäuscht von seiner Stadt, seiner Regierung, seiner Welt. „Ich sehe schon, wie Stuttgart brennt“, sagt er ganz trocken. Er sagt das nicht, weil er Angst davor hat, nein, er ist verbittert. Verbittert über eine Politik, die nicht mehr seine ist. Das musste doch nicht sein! „Das ist eine Machtdemonstration und sonst nichts“, sagt er und kann es immer noch nicht glauben.

Ist das wirklich Krieg? Und wer kämpft hier gegen wen? Wenn man das hier sieht, gibt es nur eine Antwort. Ja, es ist Krieg, der Staat kämpft gegen das gegen Volk, das einer grünen, bewaffneten Armee gegenübersteht. Das Volk, das sich gegen eine technokratische Rationalität wehrt, gegen das Gefühl, dass hier etwas mit ihm, dem Volk, geschieht, dass hier etwas ganz, ganz schief läuft. „Wir sind das Volk“, auch das rufen sie, und es hat einen anderen Sinn als damals, als der Slogan erfunden wurde. Hier ist etwas zerbrochen, der Gedanke geht ausgesprochen und unausgesprochen durch die Köpfe, und nicht wir waren es, die das Vertrauen aufgekündigt haben. Nein, es ist der Staat, der uns nicht mehr will.

Es wird dunkel im Schlosspark

Halogenscheinwerfer strahlen die hydraulischen Kranarme mit ihren Hebebühnen an, die Demonstranten aus den Bäumen holen. Es ist wie im Kino, hell, spektakulär, bedrohlich. Jedes Mal schwillt die Lärmwelle an, wenn es wieder hoch geht. „Oben bleiben!“, schreien und trillern sie. Auch der Stuttgarter Schlachtruf bekommt einen neuen, zweiten Sinn.

Und da soll man jetzt Theater spielen. Bekommt jetzt auch die Faust, seit Jahren das etwas unpassende Emblem des Stuttgarter Theaters, einen neuen Sinn? Geht man hoch, zum neuen Stuttgarter Theater, hinter dem Bahnhof, vorbei an der Landesbank Baden-Württemberg, zur Ausweichspielstätte im Banken- und Büroviertel, sieht man erst den Schriftzug „auspiel“, dann heißt es „hauspiel“ und dann sieht man, über dem Wort „schauspiel“, die Faust.

„Wir sind strikt gegen den Gewalteinsatz heute morgen“, sagt der Intendant und Regisseur des Abends, Hasko Weber. „Ich hoffe, der Kopf ist jetzt etwas freier fürs Theater“, schließt er seine kleine Ansprache. Schauen wir mal: „Missionen der Schönheit“ heißt das Stück, es ist von Sibylle Berg, und es spielt auch in einem Krieg, aber einem ganz anderen. Es ist der gute alte Geschlechterkrieg, in den hinein Sibylle Berg acht harte, brutale Monologe geschrieben hat, die nur einen Sinn haben: Es gibt keine Verbindung zwischen Mann und Frau (außer Ficken).

„Ich würde gerne eine Wunde sein“, sagt die 12-jährige Judit, die auch ein Junge sein will und deren – vom Vater geprügelte – Mutter sich seit zwei Jahren eingesperrt hat. Es sind lauter Judits, die hier sprechen, desillusionierte Rächerinnen, zerstörte Frauen, die zu Mörderinnen werden, die sich zerschneiden und das bitter kommentieren. „Gut auszusehen bedeutet, dass du häufiger vergewaltigt wirst als die anderen.“ Gerade hatte eine andere Judit gesagt, dass Schönheit das einzige ist, was man als Frau hat. Und die Judit rächt sie, schneidet den Männern die Eier und Köpfe ab und lässt sie im Keller liegen.

Natürlich spielt und spekuliert Bergs geballte Frauenfaust auch mit dem Entsetzen, manchmal treten die radikal zugespitzten Monologe auch Gemeinplätze breit. Der Mann ist ein Tier, die Frau löscht ihn und sich aus. Grausen darüber überkommt einen im Stuttgarter Theater nicht. Das liegt nicht nur daran, dass an diesem Tag die Gewalt vor der Tür steht.

Hasko Weber präsentiert das Stück mit seinen vier Schauspielerinnen und einem Pianisten so, als sei das ein Varietéabend, der im Tigerpalast oder im ehemaligen Hamburger Hansa-Theater stattfinden könnte, Roben, lange Kleider, Piano, röhrend-rauchige Lieder. Zwischen den Monologen ein Liedchen, meistens hört man da die Worte „Bück dich, dein Gesicht ist mir egal“. Der Pianist sieht aus wie ein Primat mit Sonnenbrille und setzt zu Tom Jones’ „Sexbomb“ an, die Monologe tendieren durch das Entertainment-Format unweigerlich zu Pointe und Pointierung. Die vier Schauspielerinnen verfallen automatisch in jenen Tonfall, der unterhalten und gefallen will.

So vernichtet sich der Stuttgarter Geschlechterkampf selbst, während draußen der Bürgerkrieg weitergeht. Um null Uhr, in zwei Stunden, werden sie im Schlosspark anfangen, die Bäume umzulegen. Das erwartet hier jeder, im Theater, im Park, auf der Straße. Die Stimmung ist weiter gespannt. Die Faust steckt in der Tasche. An diesem Tag ist etwas geschehen, das Stuttgart in einen Ort verwandelt hat, von dem man nur schwer einen Weg zurück findet.

Schauspiel Stuttgart: 11., 25. Oktober 2010

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