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Städtische Bühnen Reese plädiert für Neubau der Städtischen Bühnen

Laut einem Gutachten könnte die Sanierung der Städtischen Bühnen 500 Millionen Euro kosten und elf Jahre dauern. Frankfurts scheidender Intendant Oliver Reese beklagt im Interview parteipolitisch geprägte Denkverbote.

Schauspiel in Frankfurt am Main
Die Sanierung von Frankfurter Oper und Schauspiel könnte rund 500 Millionen kosten. Foto: imago

Oliver Reese wurde 1964 in Schloss Neuhaus bei Paderborn geboren. Nach Stationen am Bayerischen Staatsschauspiel in München sowie in Ulm arbeitete er von 1994 bis 2009 in
verschiedenen Funktionen an Berliner Bühnen, zunächst als Chefdramaturg am Maxim Gorki Theater, anschließend ebenfalls als Chefdramaturg und zuletzt als Interimsintendant am
Deutschen Theater.
 
Am Schauspiel Frankfurt ist Reese seit der Spielzeit 2009/2010 Intendant. Im Sommer wird er die Leitung des Berliner Ensembles übernehmen.

Die sogenannte Theaterdoppelanlage für Schauspiel und Oper muss dringend saniert werden. Die Frankfurter Politik hat die gravierenden Mängel des 1963 errichteten Bauwerks seit Jahren ignoriert. Seit einigen Monaten wird eine Sanierung auch öffentlich diskutiert. Ein Gutachten zur Grunderneuerung dazu soll im Frühsommer vorgelegt werden. Anstelle von zunächst
280 Millionen werden mittlerweile 500 Millionen Euro Kosten für seine Instandsetzung genannt.

Herr Reese, bei unserem Gespräch über die Zukunft der Städtischen Bühnen in Frankfurt vor einem halben Jahr haben Sie eine Liebeserklärung für die immer wieder so genannte Theaterdoppelanlage abgegeben, die Sie erhalten wollten. Hat sich das jetzt geändert?
Ja. Zumindest nicht um jeden Preis.
 
Was hat sich genau geändert?
Die Rahmenbedingungen. Es wird im Mai ein Gutachten vorgestellt werden …
 
... das im Grunde jetzt schon fertig ist und das Sie und Opernintendant Loebe und die Frankfurter Politiker kennen.
Es liegt noch nicht final vor. Es hat Änderungen gegeben. Es sind erste Zahlen veröffentlicht worden, nach denen eine Sanierung der Städtischen Bühnen 500 Millionen Euro kosten würde. Ich fürchte, diese Zahl ist noch zu niedrig. Als wir das letzte Mal sprachen, war noch von 280 Millionen Euro die Rede und von einer erheblich kürzeren Bauzeit. Da sah für mich die Sache noch anders aus. Die Zeit für eine Sanierung des Hauses wird jetzt auf elf Jahre bemessen. Wenn solche Summen und solche fast unabsehbaren Zeiträume im Spiel sind, die für das Haus und das Publikum nur schwer zumutbar wären, ist der Zeitpunkt gekommen, da man eine Alternative zur Sanierung sehr ernsthaft prüfen muss.
 
Können Sie noch einmal den Zustand der Bühnen schildern?
Zunächst mal grundsätzlich: Wir haben es hier mit einem der größten Theaterkomplexe Europas zu tun. Das muss man sich bewusst machen: Auf einem Areal von 100 mal 110 Metern steht etwas, was ziemlich einmalig ist: Die sogenannte, Sie haben das Un-Wort schon gebraucht, Theaterdoppelanlage. Sie ist 50 Jahre alt geworden und wird noch 60 werden. Jetzt stellt sich die Frage, ob sie noch älter wird. Die Oper verfügt über die größte Drehbühne Europas, das Schauspiel über die größte Sprechbühne im deutschsprachigen Raum. Das ist gewaltig. So viele Schauspielhaus-Neubauten gibt es nicht. Es gibt Opern-Neubauten, spektakuläre, etwa Oslo und Kopenhagen, oder neue Philharmonien, Paris oder Hamburg. Aber Theater-Neubauten? Da ist Potsdam, nicht sehr gelungen, mit einer Glaswand im Zuschauerraum, damit man rausgucken kann. Ziemlich sinnlos in einem Theater. Hat ein Kirchenbauer gemacht, kein Theatermann. Bei den jüngsten Umbauten im National Theatre in London kann man sehen, wie eine moderne Theatergestaltung Sinn macht, das Haus ist viel transparenter geworden, gläserne Stege führen die Besucher über die Werkstätten und es gibt zusätzliche Angeboten wie Cafés, Räume für Workshops und Buchläden.

Mit dem Bau der Theaterdoppelanlage Anfang der 60er Jahre sollte ein politisches Zeichen gesetzt werden. Das neue, demokratische Deutschland präsentierte sich der Welt, licht, transparent, hell, offen.
Absolut. Aber vor allem auch die Stadt Frankfurt. Think big. Eine im Vorfeld umkämpfte Entscheidung. Aber eine für die Kultur.
 
Es war ein Aufbruch der Moderne. Mit dem Wolkenhimmel, mit dem Foyer. All das hat man bisher als Argument dafür ins Feld geführt, das Gebäude zu erhalten. Zählt das jetzt nichts mehr?
Die Situation erfordert zumindest, dass es keine Denkverbote geben darf; vielleicht ist es sogar, großes Wort, Zeit für Visionen. Wir erleben gerade die Diskussion in Stuttgart: Da geht es um 600 Millionen Euro nur für die Sanierung der Oper. Angesichts des historischen Hauses steht außer Frage, dass etwas gemacht werden muss. In Köln gab es ein Hin und Her: Zunächst eine Entscheidung für einen Neubau. Diese Entscheidung wurde revidiert aufgrund des Einspruchs der scheidenden, sehr einflussreichen Schauspiel-Intendantin. Dann war Karin Beier weg und ihr Nachfolger schlägt sich nun mit den verheerenden Folgen von Baustopp, Firmenbankrott und mehrjähriger Verzögerung herum. Köln ist ein Menetekel, in Düsseldorf erweisen sich Umbau und Sanierung des Hauses ebenfalls als eine never ending story.
 
Wir haben die Staatsoper in Berlin, deren Sanierung immer teurer wird ...
... ja, dort sind große Eingriffe gemacht worden und das ist nicht nur sehr viel teurer, sondern auch sehr viel später geworden, jüngste Verschiebung erst vor wenigen Tagen. Und jetzt zu Frankfurt: Das Gebäude entspricht nicht mehr den Anforderungen; die Panoramafenster kriegen Risse und sind Einfachverglasung, beim Brandschutz, aber auch bei Klima, Heizung, Lüftung gibt es entscheidend gestiegene Standards, die ab 2023 gelten. Die lassen sich aber ohne große Eingriffe auf das heutige Gebäude nicht mehr anwenden. Auf das Dach müssten dann gewaltige Lüftungsanlagen, die auch große Lüftungsschächte bräuchten, für die in den vorhandenen Gängen kein Platz ist. Es müsste von diesem Haus vieles fallen.

Eine solche Umgestaltung wäre nicht denkbar im laufenden Betrieb. Tagsüber Sanierung, abends Vorstellung? Und wohin mit den Proben?

Die Proben sind zum Teil außerhalb des Gebäudes, auf Probebühnen. Gewiss würde man gewichtige Einschnitte bei den üblichen Endproben auf der Bühne hinnehmen müssen. Ich bin nicht mehr involviert in die Planung – aber es wird auf jeden Fall einen Architekturwettbewerb geben müssen, entweder für die Sanierung oder für Abriss und Neubau. Das Haus platzt jetzt schon aus allen Nähten. In zu kleinen Büros sitzen zu viele Mitarbeiter. Die Probebühnen sind in der Stadt verstreut, für alle eine große Belastung.
 
Ist das Ihrem Nachfolger Anselm Weber, der im Sommer kommt, und dem Opern-Intendanten Bernd Loebe bewusst?
Natürlich. Beiden, unterstützt von Verwaltungsleiterin und Technischem Direktor, ist das noch viel bewusster als mir. Sie müssen ja die Planung mittragen und mit den Interimslösungen leben. Aber es gilt jetzt, eine Lösung für die nächsten Jahrzehnte, nicht nur für die nächsten Jahre zu finden.
 
Sie plädieren für einen Neubau der Städtischen Bühnen am alten Ort.
Zunächst mal plädiere ich entschieden für diesen Standort. Das ist die einzige Frage, in der sich auch der Oberbürgermeister bisher festgelegt hat. Ich erinnere daran ganz bewusst, denn die Frage nach dem Ort der Städtischen Bühnen wird sicher noch einmal gestellt werden. Dazu kennen wir Frankfurt gut genug. Es wird Angebote von denen geben, die Hochhäuser bauen. Der Standort ist für Oper und Schauspiel zentral. Aber jetzt darf geträumt werden. Was hieße ein Theater der Zukunft, mitten in der Stadt?
 
Positiv gesprochen wäre das eine große Chance. Die Stadt Frankfurt könnte international reüssieren mit einem modernen Neubau der Bühnen.
Wenn man dieses Gebäude in Frage stellt, dann bitte nur, weil man sich das inhaltlich und architektonisch etwas kosten lassen will. Ein Neubau wäre vermutlich teurer als die Sanierung, aber nicht wesentlich teurer. Man müsste ein Probenzentrum integrieren, deutlich zeigen, dass hier Kunst entsteht.

Aber kann man die größte Drehbühne Europas noch verbessern, noch toppen?
Das ist für beide Häuser unterschiedlich. Ich nehme die Oper als ziemlich perfekt dimensionierten Bau wahr. Das Schauspiel hingegen ist extrem und nicht nur ideal. Die Kammerspiele sind eindeutig zu klein mit 180 Plätzen. 250 wären besser. Es fehlt an Höhe. Die Bühne da unten hat keine Möglichkeiten. Also die zweite Spielstätte könnte deutlich attraktiver sein. Die Box ist eine schöne Improvisation in Form einer Rigipskiste, das würde man sicher als Raumtheater lösen. Und das Große Haus? Ich bin stolz darauf, dass wir Aufführungen hinbekommen haben, die dieses riesige Theater in den Griff bekommen haben. Aber das Große Haus macht schwere Vorgaben. 24 Meter Portalbreite sind auch ein Handikap. Da gehen nur bestimmte, großformatige Stücke, der Mensch wirkt auf der Riesenbühne erstmal wie verloren. Technisch kann die Bühne viel, aber akustisch ist der Raum sehr schwierig. Sie müssen nach vorne sprechen, wenn die Schauspieler auch nur halb seitlich sprechen, ist der Ton weg.
 
Sie sind am Anfang ein wenig erschrocken über diese Dimension. Sie sagten, man müsse sehr laut sein, um die Bühne zu füllen.
Man muss auch inszenatorisch laut sein. Man muss immer in Cinemascope denken. Die Konsequenz war, dass bei uns viele junge Regisseure daran gescheitert sind. Ich habe die Konsequenz gezogen, dass auf diesem Raum nur Regisseure inszenieren, die sozusagen mit breitem Pinsel die großformatigen Entwürfe schaffen. Ich hätte auch gerne Frank Castorf hier gehabt. Kammerspiele funktionieren hier nicht – das ist in anderen großen Häusern durchaus anders. Auch der Zuschauersaal ist nicht ideal. Sie sitzen mit viel Abstand und Distanz. Man muss an das Große Haus auch rangehen, wenn man nur saniert.
 
Die Werkstätten der Bühnen sind kaum zehn Jahre alt. Wollen Sie die auch opfern?
Das ist doch gar nicht meine Position – die Grundentscheidung, vor der man steht, ist: Will man für 500 Millionen Euro plus einen sanierten Altbau oder will man für vielleicht nicht so viel mehr über ein Theater der Zukunft nachdenken mit einer Ästhetik und Möglichkeiten, die wir noch gar nicht kennen.
Die heutige Fassade der Bühnen kann man problematisch finden. Der Besucher der Stadt, der auf dem Willy-Brandt-Platz steht, der ein furchtbarer Platz ist ...
... ja, öde und nur für Skater gut. Frankfurt kann keine Plätze. Auch der Rossmarkt ist misslungen ...
 
... der Besucher der Stadt kann wenigstens reinschauen ins Theater.
Stimmt leider nicht. Man kann toll rausschauen. Aber das Foyer ist im ersten Stock. Unten laufen Sie am Brutalismus der 60er Jahre vorbei ...
 
.... die transparente Fassade ist keine besonders gelungene Glasfassade.
Man sieht dem Haus zumindest nicht an, dass darin ein Theater ist.
 
Ist also die Architektur überbewertet?
Wir alle, Theatermacher wie Zuschauer, haben das Haus lieb gewonnen. Es ist unsere Heimat. Und die Foyers gefallen mir. Wir haben da lange Bänke reingestellt, die müssen jetzt ausgetauscht werden, weil sie kaputtgesessen sind. Das ist ein gutes Zeichen ...
 
Haben Sie Vorbilder im Auge, wenn Sie jetzt von den Bühnen der Zukunft träumen?
Da fallen mir nur zwei ein, die Oper in Oslo, ein architektonischer Meilenstein, und das neue Schauspielhaus von Kopenhagen. Mit einem herrlichen offenen Glasfoyer direkt am Hafen, ein Genuss für Theaterbesucher wie Flaneure, und drei Bühnen in drei Formaten mit zusammen gut 900 Plätzen, sowie gigantisch schöne offene Büroräume und Garderoben mit Gemeinschafts-Inseln für die Mitarbeiter. Die Osloer Oper wiederum ist eine moderne Stil-Ikone mit europaweiter Ausstrahlung. Da kommt man ins Träumen. Ich bin jetzt gespannt, wer sich in Frankfurt den Hut aufsetzen wird, um die Zukunft der Bühnen zu steuern.

Es fehlt ein entschiedener Vorkämpfer, eine entschiedene Vorkämpferin.
Die Politik wartet die Präsentation des Gutachtens ab. Aber die Zukunft der Bühnen muss in der Stadt rasch höchste Priorität bekommen. Hier liegt eine enorme Chance, so oder so, zu der man sich verhalten und bekennen sollte. Bis hin zum Vorplatz, der ganz neues Leben erhalten könnte.
 
Warum interessiert Sie das alles noch? Sie sind nur noch wenige Wochen Intendant, dann wechseln Sie ans Berliner Ensemble.
Ich habe jetzt acht Jahre in Frankfurt nicht nur Theater gemacht. Ich habe zu vielen Fragen Stellung genommen, wir als Theater haben Position bezogen mit unseren Thementagen. Unter anderem habe ich früh ein Kinder- und Jugendtheater gefordert, das jetzt endlich näher rückt. An diesem Beispiel möchte ich deutlich machen, warum ich Lust habe, mich noch einzumischen. Beim Kinder- und Jugendtheater läuft etwas falsch. Die Politik hat ohne echtes Abwägen der Alternativen festgelegt: nicht als Teil der Städtischen Bühnen. Warum? Auch mit uns würde es eine eigene künstlerische Leitung geben. Aber man hätte auch die Synergieeffekte im Vertrieb, bei Werbung und Werkstätten. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum das nicht einmal diskutiert wurde.
 
Was könnten die Beweggründe sein?
Mir scheint klar zu sein, dass es bei einigen Parteien Ängste gibt, dass der vergleichsweise hohe Etat der Städtischen Bühnen noch mehr anwächst – man will die freie Szene stärken und bevorzugt ein Modell, das jedoch mehr Geld kosten wird. Gesprochen wurde mit uns, den Bühnen, jedenfalls nicht. Solche Denkverbote sollte es nicht wieder geben.
 
Woran liegt das?
Auch wenn ich mich in die Nesseln setze: parteipolitische Vorgaben. Ich finde es auch falsch, bei der Zukunft der Bühnen als erstes von Bürgerbefragungen zu sprechen. Die ersten Vorschläge müssen mit stadtplanerischer und architektonischer Vision und entsprechender fachlicher Beratung entwickelt werden. Was die besonderen Anforderungen an Oper und Schauspiel angeht, gibt es im Haus sehr viel Sachverstand, es gibt bereits eine genaue Raumanforderung, die auch in die Machbarkeitsstudie eingeflossen ist. Ich möchte nicht arrogant klingen, aber wenn wir Volkes Stimme dazu hören – etwa mit der unsinnigen Forderung einiger nach einer pseudohistorischen Fassade –, könnten wir einen stadtplanerischen Brexit erleben.
 
Wohin mit Oper und Schauspiel, während der Neubau entsteht?
Das Bockenheimer Depot steht zur Verfügung, reicht aber selbst allein fürs Schauspiel nicht. In Köln gelingt gerade mit der Bespielung des Depots in Mülheim die Erweckung eines ganzen Viertels. Für die Oper eine Lösung zu finden, ist überall viel schwerer. Da gibt es besondere Anforderungen, nicht nur an die Akustik.
 
Es heißt, die Oper könnte in der Alten Oper unterkommen.
Diese Rechnung wird ohne den Intendanten Pauli gemacht. Frankfurt braucht auch ein Konzerthaus. Das ist keine Alternative.
 
Wenn das Theater der Zukunft einmal steht in Frankfurt, könnte es dort auch Gastspiele aus Berlin geben.
Nach diesem Interview nicht mehr. Oder vielleicht gerade.
 
Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Christian Thomas

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