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Stadttheater Gießen Glück in der Liebe, Glück im Spiel

Zwei Kurzopern mit dem Tod persönlich fügen sich in Gießen zu einem geglückten Musiktheater-Abend: „Savitri“ von Gustav Holst, „Death Knocks“ von Christian Jost auf eine Groteske von Woody Allen.

22.12.2015 16:09
Hans-Jürgen Linke
Retterin des Gatten sein: Savitri (Julia Stein) und Satyavan (Clemens Kerschbaumer) in Gießen. Foto: Rolf K. Wegst

Der Tod ist auch nur ein Mensch. Und weil jeder Mensch seinen individuellen Tod hat, ist der Tod ein Individuum und hat auch seine Schwächen. Die werden in zwei Kurzopern thematisiert, die das Gießener Stadttheater zu einem kompletten und keineswegs morbiden Abend in seinem Studio zusammengefügt hat.

Der erste Einakter, „Savitri“ stammt von dem englischen Komponisten Gustav Holst und ist die spätromantische Verarbeitung einer Episode aus dem „Mahabharata“. Der andere, „Death Knocks“, wurde 2001 uraufgeführt, stammt von Christian Jost und verarbeitet eine Groteske von Woody Allen. Beide bilden in Gießen ein Ganzes wie Tragödie und Farce, wie Pathos und Ironie. Sie spielen im gleichen Bühnenbild (ein doppeltes, in der Mitte gespiegeltes Ein-Zimmer-Apartment von Lukas Noll), und sie wissen voneinander.

Holsts Stück erzählt affirmativ den indischen Mythos, in dem Savitri ihren Gatten Satyavan durch eine emotionale List dem Tod entwinden kann, mit nachhaltigerem Erfolg als Orpheus und Eurydike. Nur an Maya kommt man nicht vorbei. Maya ist eine Art erkenntnistheoretisches Axiom und besagt, dass Leben wie Tod nur eine Selbsttäuschung sind. Vielleicht kann die Liebe Maya außer Kraft setzen.

Der todgeweihte Holzfäller

Holsts Musik für zwölf Musiker (zwei Streichquartette, zwei Flöten, Englischhorn, Kontrabass) ist fein und dicht gearbeitet und begleitet die handelnden Personen stets auf Tuchfühlung. Hans Walter Richters Regie deutet die anfängliche Virilität des todgeweihten Holzfällers Satyavan (Clemens Kerschbaumer) schon als Fiebertraum und die List der Savitri (Julia Stein) als erotisches Umgarnen, dem sich der Tod (Tomi Wendt) nicht entzieht. Sängerisch agieren die drei Protagonisten auf bestem Kammeroper-Niveau, mit nuancierungsfähiger Klarheit und fein dosierter, wunderbar präziser Stimmführung, dazu ausdrucksreich spielfreudiger Bewegtheit.

Die zweite Kurzoper spitzt sich zu in der Parodie auf das Schachspiel, das Woody Allens großes Vorbild Ingmar Bergman den Ritter Antonius Block in „Das siebte Siegel“ gegen den Tod spielen lässt. Bei Jost/Allen allerdings spielt der Tod Rommé. Und verliert schmählich. Und muss dann sehen, wo er bleibt, ohne Geld für ein Taxi oder ein Hotelzimmer.

Stefanie Kuhlmanns Inszenierung würdigt sehr umsichtig das Überdrehte des Werkes, fügt ihm aber keine weiteren Umdrehungen hinzu und sucht auch nicht nach echter Tragik hinter dem Klamauk. Es gibt da wohl auch keine. Als mythischer Resonanzraum der Satire genügt die zuvor im gleichen Bühnenbild (jenseits des mittigen Spiegels) gespielte Savitri und deren stumme weihnachtstragische Fortsetzung durch Clemens Kerschbaumer.

Julia Stein, eben noch als heroische Savitri zu erleben, ist als Tod ein leichtlebiges Wesen und unter anderem dank einer dekorativen Laufmasche am linken Knie kein bisschen metaphysisch. Tomi Wendt, der Tod bei Holst, spielt den todgeweihten Ackermann, den seine Freude über eine gelungene Firmenfusion mehr beschäftigt als jeder Gedanke ans Jenseits und der, als er den Tod vorerst besiegt hat, erst einmal jemanden anrufen und erzählen muss, was ihm gerade passiert ist.

Christian Josts Musik würdigt den Klarinettisten Allen (zwischen beiden Stücken wird eine Klarinetten-Kadenz gespielt, die eine Passage aus der Partitur variiert) und kommt ansonsten wie eine hoch erregte, spannungsvolle Filmmusik daher, wenn sie sich nicht gerade zurückhält, um den Sängern Raum zu geben. Das kleine Ensemble des Philharmonischen Orchesters Gießen zeigt unter der Leitung von Martin Spahr eine mustergültige Arbeit an beiden Stücken, und rundet den überaus gelungenen Doppel-Kurzopern-Abend wunderbar ab.

Stadttheater Gießen: 30. Dezember, 15. Januar, 19. Februar. www.stadttheatergiessen.de

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