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Stadttheater Gießen Der Messer-und-Gabel-Tanz

In „Cross!“ treffen am Stadttheater Gießen chinesische Akrobaten und das Ensemble des Hauses aufeinander.

„Cross!“
Auch Traditionen treffen in „Cross!“ aufeinander, aber sparsam. Foto: Rolf K. Wegst

Im Programmheft wird eine Geschichte von einem Dübel in der Wand und einem chinesisch-deutschen Streit darum erzählt, die darauf hinausläuft, dass der trampelige Deutsche notgedrungen einen Dübel konstruieren muss, der hält, dass die Chinesin aber keine solide Technik braucht, weil sie „klein, zart und energiesparend“ ist. Da mag was dran sein, allerdings sind die Tänzerinnen und Tänzer des Gießener Stadttheaters weder in der Mehrzahl deutsch noch trampelig und können sich so zart bewegen, wie es erforderlich ist.

Tarek Assam, Tanzchef in Gießen, hat diesmal einen kleinen Coup gelandet, indem er den sieben Tänzern seiner Compagnie sieben Artisten der Yate Akrobatengruppe aus Shenzhen gegenüberstellt. „Cross!“ heißt das mit Pause eindreiviertel Stunden lange Stück wegen des Crossovers aus Akrobatik und modernem Tanz.

Erst einmal findet Misstrauen seinen Ausdruck: Zwar beginnen die beiden Gruppen mit quadratischen kleinen Podien eine Art Brückenschlag, aber er wird nicht beendet. Artisten und Tänzer verharren auf ihrer jeweiligen Insel. Und während das Gießener Ensemble dann in Gruppenkonstellationen in den Raum ausgreift, bleiben die Fremden erst einmal cool. Auf keinen Fall, so der Eindruck, möchte Choreograf Assam die stupenden Fähigkeiten der Artisten ausschlachten für noch eine und noch eine Zirkusnummer. Die Stimmung ist verhalten, die Chinesen sind zunächst weit mehr Randfiguren und Zuschauer als Akteure.

Eine Verflechtung und Vergrößerung des Artistik-Anteils erfolgt behutsam und mit Geschick, es dominiert weiterhin der moderne Tanz. Gegensätze werden aufgezeigt: Eine Tänzerin hantiert mit Messer und Gabel, das Metall blitzt im Scheinwerferlicht, neben ihr bewegt sich eine Akrobatin mit zierlichen Stäbchen. Fast zeremoniell wirkt das eine, fast gefährlich das andere. Später kreuzt das ganze Ensemble die Messer und Gabeln, Aggressivität liegt in der Luft.

Die eigens komponierte Musik von 48nord (das sind Ulrich Müller, Siegfried Rössert, Patrick Schimanski) kombiniert westliche elektronische Herbheit mit dezenten fernöstlichen Anklängen. Die Kostüme (Gabriele Kortmann) sind überwiegend rot, knallrot, die schlichten quadratischen Bühnenteile (Fred Pommerehn) werden auf der Bühne des Großen Hauses von den Akteuren umgebaut, wo nötig. Oder als Riesen-Dominostein-Reihe eingesetzt, die man mit „Hey!“ oder „Tsche!“ umzuschubsen versucht.

„Cross!“ setzt nicht auf verdergründigen Effekt, obwohl die Akrobatentruppe im Laufe des Abends einiges Spektakuläre zeigt an Balance- und Kraftfiguren. Allerdings werden die beiden Gruppen bis zuletzt auch keine Einheit – und als sie es dann werden sollen, wirkt dieses bunte, harmoniepralle Ende seltsam aufgesetzt: Die insgesamt 14 Akteure, nun in hautfarbener Unterwäsche, schmieren sich jeweils gegenseitig mit Farbe ein, auf einigen der quadratischen Teile blinken Lichterketten. Und plötzlich wirkt das Stück dann doch wie ein Kindergeburtstag.

Stadttheater Gießen:
16., 17. Februar, 20. Mai, 1., 2. Juni. www.stadttheater-giessen.de

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