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Staatstheater Wiesbaden Wie schrecklich, wie herrlich

Bernd Mottl weiß mit Fords „Schade, dass sie eine Hure war“ in Wiesbaden wunderbar umzugehen.

Schade, dass sie eine Hure war
Linus Schütz, Llewellyn Reichman als Wiesbadener Königskinder. Foto: Karl & Monika Forster

Inzest als eines der letzten weitgehend unangefochtenen Tabus hat eine skandalisierende Wirkung, die immerhin erahnen lässt, warum John Fords Theaterstück „Schade, dass sie eine Hure war“ es nach seiner Londoner Uraufführung 1633 über die Jahrhunderte nicht einfach hatte. Auch sein bald sprichwörtlich gewordener Titel trug nicht dazu bei, ihm den Weg in die bürgerlichen Theater zu ebnen. Dafür sorgte dann zunächst Maurice Maeterlinck, als die Zeit (Ende des 19. Jahrhunderts) wieder reif war für solche Plots: „das schreckliche, einfache und blutige Gedicht gnadenloser Liebe“. Ja, so kann man es auch nennen, und förderlich dürfte zudem gewesen sein, dass der einflussreiche belgische Autor seiner Bearbeitung den taktvollen Titel „Annabella“ gab.

Heute ist es für ein Theater vielleicht sogar eher verlockend, das Publikum mit einem Vorgang zu erstaunen, der noch immer gesellige Runden, Forscher und Gerichte beschäftigen kann. Es betrifft so wenige, es interessiert alle. Und Annabella und ihr Bruder Giovanni lieben sich wirklich schamlos, und wer denkt, es werde sich schon eine logische Lösung auftun – die beiden seien in Wirklichkeit nicht blutsverwandt, so hätte es Shakespeare vielleicht gelöst –, der irrt. Verbotene Liebe ohne Schuldgefühle und geheim gehalten lediglich aus Selbsterhaltungstrieb (um Sanktionen zu vermeiden, ihr Leben ist den beiden egal, aber ihre Liebe nicht) tritt in Reinform auf.

Gar nicht in Reimform, und das ist gewiss die größte Herausforderung für ein Theater, zeigt sich das Stück in Fragen des Tons. Shakespeares Schelmenszenen in ein Drama einzupflegen, muss kinderleicht sein im Vergleich zum Umgang mit Fords Wütereien zwischen Tragödie, Parodie, Posse, Comedy, Grellheiten aller Art, dann aber auch wieder zurückgeführt zu Konventionen: Väter wollen ihre Kinder verheiraten. Männer werden von Eifersucht geplagt. Frauen kokettieren. Was soll man von alledem halten?

Bernd Mottl, der am Staatstheater Wiesbaden die kecke, zeitgenössische Übertragung von Rebekka Kricheldorf einsetzt, macht es uns nicht leicht, das zu entscheiden. Aber er macht einen konstruktiven Vorschlag, wie alles zusammen einen tolldreisten Abend ergeben kann. Zumal vom Sex noch gar nicht gesprochen wurde. Sex ist auch wichtig in „Schade, dass sie eine Hure war“. Mottls Ausstatter Friedrich Eggert gestaltet die Bühne also als eine Art dunklen Puff, der aber reinlich und unaufdringlich wirkt. Es gibt bewegliche Raumteiler, die zu schönen Bildern führen, die dunklen Wände, wattiert und gelackt, sind ein geschmackvoller Hintergrund für die leuchtenden, schon karnevalistischen elisabethanischen Kostüme, auch sie mit Lack-Elementen. Rasant die Hüte. Annabella und Giovanni haben daran keinen Anteil, Llewellyn Reichman und Linus Schütz sind auch die einzigen, die die Perücken manchmal abnehmen und von aufgedonnerten Italienern zu blonden, bleichen, zarten Königskindern werden.

Dazu merkt man als schlecht informierte Theatergängerin erst recht spät, dass die Stange auf dem Podest in der Mitte zum Poledance einlädt. Nicht Annabella, die hier engelsgleich heruntersaust, nicht die Männer, die hier mit Affenwut herumklettern, aber Hippolita, die Ex von Soranzo, Matze Vogel (die Geschichte ist kompliziert), die eindeutig aus dem Milieu stammt.

Für diese Szene wird eine tolle Tänzerin eingesetzt, aber die Zuschauer trauen sich nicht so richtig zu klatschen. Man hat ja eben dabei zugesehen, wie die Männer feixen und sich freuen. Peinlich. Vorne stehen währenddessen Annabella und Giovanni, dazu der eingeweihte Geistliche (Uwe Kraus, man darf an „Romeo und Julia“ denken, aber alles ist verzerrt). Sie schauen sich an, Lichtjahre entfernt von flottem Lustgewinn. Auch hier geht es um Sex (und wie und ständig), aber es geht um Sex und Liebe.

Mottl kann in solchen Momenten wunderschön und klug und zwanglos zeigen, wie sich die Dinge hier überlagern und wie das zwar verrückt ist, aber machbar. Und gar nicht so unrealistisch. Umso leichter fällt es ihm, die komödiantischen Teile in Fahrt zu bringen, mit einem durchweg bis ins Tänzerische leichtfüßigen Ensemble, die Kampfszenen vom Feinsten, der Hintergrundklang von Christoph Kalkowski perfekt dazu angetan, das Publikum immer in einer Restunsicherheit zu lassen. Ist es lustig, ist es tragisch, ist es, ähm, gesellschaftskritisch? Der Elektrosound prägt auch das großartige Ende, ein schaurig-hysterisches, donnerndes Gelächter, das belegt, wie schrecklich alles ist, aber auch, was für ein herrlich sicherer, gescheiter, flirrender Zugriff Mottl hier gelang.

Staatstheater Wiesbaden: 20., 29. November, 15., 20., 22. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

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