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Staatstheater Wiesbaden Karg die Welt, karg die Leut’

Leos Janáceks „Jenufa“, schlicht und stark am Staatstheater Wiesbaden.

Jenufa
Die Küsterin und ihre Stieftochter Jenufa: Dalia Schaechter und Sabina Cvilak. Foto: Karl & Monika Forster

Oper, diese sprichwörtlich opulente Unternehmung, ist in einem häufig unterschätzten Maße eine Dosierungsfrage, visuell und akustisch. Zu viel und zu wenig, das ist beides tödlich wie die Ereignisse in den finsteren Geschichten, die hier verhandelt werden. So groß aber ist die Maschine, die jedes Mal in Gang gesetzt wird, dass es vermutlich, ist sie erst angelaufen, kein Zurück mehr gibt. Es finden sich ausreichend Menschen, die die Nerven dafür haben, es immer wieder zu riskieren. Und ab und zu ist es dann perfekt. Und fällt in der Wiesbadener Neuproduktion von Leos Janáceks „Jenufa“ um so mehr auf, als sich Regisseur Ingo Kerkhof von der Minimaldosierung aus annähert. Auch sie ist wirklich ein Risiko.

Obwohl sich wenig bewegt, ist das Bild von der anlaufenden Maschine schon richtig. Zu allererst – keine unerhörte, aber eine genau hier, genau jetzt triftige Idee – wirft Jano (Stella An, wir haben eine Luxusbesetzung vor uns) eine Musiktruhe an. Dazu stellen sich die Protagonisten für einen Fotografen auf, immer wieder in etwas anderer Konstellation. Man versteht auch ohne Fingerzeige, dass dies das Vorbeigehen der Generationen ist. Es geht hurtig weiter, immer weiter. In der Hand der Alten sammeln sich die Fotos der Toten. Es ist nicht fröhlich, es ist kein Drama, es ist die Unerbittlichkeit, mit der Menschen im Getriebe der Zeit feststecken und von ihm mitgezogen werden.

Im Jahr 1900 verlangsamt sich die Zeit, Jano macht die Truhe zu, GMD Patrick Lange übernimmt, und der pulsende Beginn der Oper ist in Wiesbaden spätzchenhaft zart und nervös, eine sich anschleichende, nicht auf Theatralik ausgelegte, introvertierte Anspannung. Das ist das musikalische Maß für den nicht ausverkauften, aber am Ende umjubelten Premierenabend: Unaufdringlichkeit und Präzision als Intensitätsverstärker für eine Musik, in der alles bereitliegt und nur auf Ausführung wartet.

Gisbert Jäkels Bühnenbild nutzt die Breite, ignoriert die Höhe und die Tiefe, zeigt ein karges Interieur, das beständig in geschmackvoller Chiaroscuro-Technik ausgeleuchtet wird (von Andreas Frank), ein Eindruck, der sich nachher in den bescheidenen Zimmern der Küsterin noch verstärkt. Eine karge Umgebung, in der man wie ein Flittchen aussähe, würde man sich nur einen Hauch von Farbe gönnen. Schwarz und hochgeschlossen also die Kostüme von Sonja Albartus. Jenufas Rosmarin-Pflänzchen: ein Glanzpunkt in Grün.

Karg die Welt, karg die Leut’, aber darunter wabern Sehnsucht, Lebenslust, Wut. Das lässt Kerkhof jetzt aber ausschließlich über die Figuren klären, die Musik und ein sängerisch und schauspielerisch herausragendes Ensemble kommen ihm zur Hilfe. Im Zentrum – wie schon in der Wiesbadener „Katja Kabanowa“ vor bald drei Jahren – stehen Sabina Cvilak und Dalia Schaechter als Jenufa und ihre Stiefmutter, beide mächtig aufsingend, beide Leib und Seele hineinwerfend. Jenufa ist von Steva schwanger, er muss, er muss, er muss sie heiraten. Wenn er zum Militärdienst eingezogen wird, verzögert sich die Hochzeit auf zu lange Sicht. Am Anfang steht die gute Nachricht, dass er bleiben kann, aber er ist schon wieder betrunken. Aaron Cawley mit markantem Tenor zeigt, wie Glück hier zwar erhofft werden mag, aber immer diesen Zug ins Gewalttätige hat. Noch mehr für den zornigen Laca, Daniel Brenna als fulminanter, sofort ins intensive Geschehen verwickelter Einspringer. Unter etwas stumpfen, verlegenen, nicht bösen Gesichtsausdrücken lodert es. Janácek und Kerkhof mögen ihre Figuren, auch daher rührt die Kraft des Librettos und des Abends. Beim Zuschauen ist das entsetzlich, weil man alles nachvollziehen kann, die Treulosigkeit, sogar den Mord.

Jenufa ist so konzentriert auf das Problem – kein toller Mann, aber er muss, er muss, er muss sie heiraten –, dass sie nicht einmal besonders erleichtert wirkt, als es doch noch klappen könnte. Cvilak, mit einem wunderbar weichen dramatischen Sopran, macht ganz wenig, ist stocksteif vor Nervosität, merkt denn keiner, dass Jenufa fast nie lächelt? Schaechter, mit charaktervollem, dunkel grundiertem Mezzo, ist eine ehrfurchtgebietende Küsterin, vom zweiten Akt an – heimlich haben die Frauen das Kind entbunden – aber ohne Visier auf Rettung bedacht. Sie lässt uns daran teilhaben, wie ein verquerer Gedankengang zu einem schrecklichen Ergebnis führt (das Kind muss weg, das Kind muss weg, das Kind muss weg).

Das Schlussbild, das eigentlich auf ein sehr bescheidenes, aber denkbares neues Glück hinausläuft, wirkt in Wiesbaden wie intuitiv gestaltet. Jenufa legt sich auf den Boden. Laca steht da wie gelähmt. Stirbt sie? Erholt sie sich? Mit Interesse liest man ein Gespräch mit den Sängerinnen und Sängern (das ist nicht die Programmheftregel), in dem sie die von ihnen als ungewöhnlich empfundene Figurenentwicklung während der Probenarbeit schildern. Klingt riskant, ist aber zu hundert Prozent aufgegangen.

Staatstheater Wiesbaden: 2., 6., 12., 15., 20., 28. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

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