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Staatstheater Wiesbaden „Ich lieg’ da drin in meinem Bett“

Georges Feydeaus „Der Floh im Ohr“, gedrosselt, aber gepflegt am Staatstheater Wiesbaden.

Der Floh im Ohr
Mira Benser, und Llewellyn Reichman lauern dezent. Foto: Karl & Monika Forster

Sie also: „Warum sollte ich ihn nicht betrügen? Aber dass er mich betrügt, das geht zu weit.“ Der französische Dramatiker Georges Feydeau konnte seine Figuren 1907 bereits tüchtig frivol über das Leben und seine Möglichkeiten spekulieren lassen – beachten Sie auch, wie sich im zitierten Satz das Frivole mit gutbürgerlicher Empörung untrennbar vereint. Andererseits gelingt der vielfältig (Quickie, Amour fou, Akt der Vergeltung) und von fast allen Figuren des Stückes anvisierte, zumindest nicht ausgeschlossene Ehebruch in seiner Komödie „Der Floh im Ohr“ partout nicht. Ständig kommt jemand dazwischen. Das gehört mit zum Spiel, das ermöglicht manches, man kennt es aus der „Fledermaus“.

Eine der wenigen Figuren, die wirklich nichts vorhat außer fleißig zu arbeiten und eine friedliche Ehe zu führen, ist im übrigen der oben über Bande beschuldigte Gatte. Wie kommt sie bloß darauf? Er hat Probleme im Bett (huch, wie peinlich, natürlich sagt es keiner, aber Krawatten werden sinnfällig angehoben und gesenkt). Auch sind seine Hosenträger per Post aus einer Lokalität namens Schlummerkätzchen zurückgeschickt worden. Schon hat sie einen „Floh im Ohr“. Nun sorgt der Dramatiker, das Dramaturgie-Genie dafür, dass sich alle, wirklich alle Personen demnächst im Schlummerkätzchen wiederfinden. Längst schnurrt sie, die Feydeau’sche Komödienmaschinerie, und stampft auch unerbittlich, darauf basiert sein guter Ruf. Die Figuren aber wissen von nichts, und wieder und wieder müssen sie erkennen, dass sie sich in eine unmögliche Lage gebracht haben. Sie also: „Ich kann dir das alles erklären.“ Im Krimi heißt es in solchen Momenten: „Ich habe das doch nicht gewollt.“

Am Staatstheater Wiesbaden ist die berühmte Komödien der größeren und kleineren Irrungen jetzt im Großen Haus zu sehen. Das ist ein schwieriger Ort für Schauspiele, eine eigenartige Wahl zumal in diesem Fall, weil Rolf Glittenberg zwar eine elegante, schön anzusehende Salonwelt gebaut hat, der Raum trotzdem unerklärlich riesig bleibt. Die Schauspieler schaffen es, weitgehend laut genug zu sprechen. Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg gestaltet die Inszenierung ein bisschen wie vom Blatt, allerdings ist das ein vernünftiger Umgang mit einem solchen Selbstläufer, der ohnehin den Schauspielern den Vortritt lässt. Sie werden zwar über die Bühne gehetzt, geprügelt, schikaniert, blamiert, müssen kreischen, quieken, sich um Kopf und Kragen reden und die Hosen herunterlassen, aber das Publikum liebt sie dafür.

Das Tempo in Wiesbaden: maßvoll rasant, auf engerem Raum wäre das vielleicht auch leichter. Dafür liegt so eine unturbulente Gepflegtheit über dem Ganzen, die auch mal Freude macht. Das große Ensemble: uneinheitlich, aber munter. Rasant unterhaltsam ist der hier knochentrockene Michael Birnbaum als Victor-Emmanuel Chandebise – ein repräsentativer Name, der im Laufe des Abends so oft fällt, dass er gezaust daraus hervorgeht –, der dem Jungen für alles im Schlummerkätzchen zum Verwechseln ähnlich ist. Kein Wunder, handelt es sich doch ebenfalls um Michael Birnbaum, aber auch das wissen die Figuren nicht und geraten in höchste Verlegenheit. Birnbaum ist ein bodenständiger und unmanierierter Chandebise. Lässt er sich einmal zu fundamentaleren Sätzen hinreißen – „Oh Gott, diese verrückte Macht der Liebe“, noch besser natürlich die arge Erkenntnis: „Ich lieg’ da drin in meinem Bett“ –, gestaltet er sie so lakonisch, dass man zappelig wird vor Lachen.

Auf der Bühne wird das Zappeln dem höchst beweglichen Linus Schütz als Neffen Camille überlassen, das ist der mit dem gravierenden Sprachfehler. Er geht über Stühle und bemüht sich redlich, in Wänden zu verschwinden. Kühl die Damen, hinreißend vor allem Llewellyn Reichman als Lucienne, um die herum es nachgerade klirrt. Zugleich ist sie total unreif, ein elegantes Kind, eine kuriose kleine Frauenstudie. Klassischer im Komödienmodus befindet sich Mira Benser als Madame Chandebise. In der Schlummerkatze regieren die an sich friedfertigen Ferraillons, Evelyn M. Faber und Gottfried Herbe, die in ihrer halbweltlichen Umgebung – und von Jessica Karge auch so eingekleidet – mehr herrlich stoische Bürgerlichkeit vermitteln als alle Bürger zusammen.

Ja, das Publikum liebt es, mehr noch womöglich nur das Video (von Gérard Naziri) zwischen dem ersten und dem zweiten Akt, in dem niedliche Tiere es zum Song „Sei mal verliebt“ tun. „Ochs tut es, Kuh tut es / Ein gesundes Känguru tut es ... .“

Staatstheater Wiesbaden:
15., 23. September, 7., 31. Oktober.
www.staatstheater-wiesbaden.de

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