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Staatstheater Wiesbaden Gott steht nicht mehr zur Verfügung

Thomas Jonigk setzt in Wiesbaden seine Bibelexegese „Es begab sich aber zu der Zeit“ in Szene.

Theater
Jenseits von Eden: Christina Tzatzaraki und Paul Simon. Foto: Andreas Etter

Die Idee ist simpel. Und neu ist sie ganz und gar nicht, aber das braucht ja kein Schaden zu sein. Als Beitrag zum Spielzeitmotto „Einzelgänger“ am Wiesbadener Staatstheater hat der Dramatiker und Regisseur Thomas Jonigk in seinem neuen Stück „Es begab sich aber zu der Zeit“ einen Test auf die Tauglichkeit der Botschaften des Neuen Testaments und im Speziellen der Bergpredigt für die heutige Zeit unterzogen. Die Form ist die einer Szenenrevue mit Vorführcharakter, zum Teil sind die Episoden lose ineinander verschränkt.

Quer hindurch zieht ein altersungleiches und grotesk modewollend kostümiertes Narrengespann (Evelyn M. Faber und Tobias Lutze, sie machen die stärkste Figur an diesem Abend), das ohne Anklang die frohe Botschaft, die Bibel also zu verkaufen versucht. Unvermutet wird ihnen Geld zugesteckt und später in einer beinahe slapstickhaften Szene von einem zwielichtigen, sie hernach als „Gutmenschen“ verhöhnenden Bettler (Matze Vogel) wieder abgeschwatzt. Ohne Obdach plädieren sie nun auf Barmherzigkeit, dieser komödiantische Strang ist recht schön entwickelt.

In einer sehr unmittelbar verbildlichenden Art handeln die Szenen von einer Gesellschaft im Geiste der Aufklärung, jeder muss sich einen Lebenssinn selber stiften, Gott steht nicht mehr zur Verfügung. Es besteht aber, von dieser These geht Jonigk aus, ein Bedürfnis nach einem metaphysischen Überbau.

Der Ort ist eine Irrenanstalt, die Ausstatterin Lisa Däßler hat den Bühnenboden holzsplitternd zur dunklen Kulissenwand hochgezogen und den Schauspielern eine Reihe von hölzernen Stühlen zum Umherschleudern und Wiederaufstellen anheimgegeben. Ein geheimnisvoll schweigender Insasse (Paul Simon) von augenscheinlich sanftmütigem Wesen gackert immer wieder hübsch possierlich nach Art eines Huhns. Die Ärztin (Kruna Savic) sucht bei ihm Erlösung von ihrer Lebensverzweiflung, ein blinder Masseur wird sehend. Alles klar – eine Projektion auf Jesus.

Immer wieder zitieren und kommentieren Figuren Bibelstellen oder auch Bruchstücke aus der abendländischen Philosophie und Literatur. Eine Krankenschwester referiert zur Besänftigung des ausbruchshaft tollwütig tobenden Patienten die Biografien der Wohltäter Schwester Teresa und Karlheinz Böhm. Zum Schluss hin verliert sich der eindreiviertelstündige Abend in der melodramatisch ausgebreiteten Geschichte um einen der Fahrerflucht schuldigen Autofahrer und die Witwe seines Unfallopfers.

Der Text läppert in viel Kleinklein vor sich hin und Jonigk als sein eigener Regisseur gelingt es auch nicht, ihm aufzuhelfen. Die Dialoge klappern kabarettsketschartig hin und her und dazwischen ist viel bedeutungswollendes Schweigen. Die Bergpredigt beim Wort genommen, so ereifert sich der Autofahrer – mit welcher Logik eigentlich gerade er? – hätte als Antwort auf den islamistischem Terror den Untergang des Abendlandes zur Folge.

Tja. Das ist die Crux dieses Stücks: Es schürft küchenphilosophisch an der Oberfläche. Es bleibt simpel, ohne Funken daraus zu schlagen.

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