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Staatstheater Wiesbaden Ehrenwerte Leute

Wehe dem, der nicht misstrauisch ist: John von Düffels „Römische Trilogie“ in Wiesbaden.

Römische Trilogie
Karoline Reinke als Octavia im dritten Teil. Foto: Karl & Monika Forster

Während die britische Truppe Forced Entertainment dieser Tage (s. nebenstehenden Artikel) im Frankfurter Mousonturm binnen einer Woche sämtliche Stücke von William Shakespeare sozusagen auf die Bühne bringt – vier an jedem Abend –, probiert das Staatstheater Wiesbaden es mit drei Tragödien an einem Abend. „Römische Trilogie“, erstmals 2016 in Nürnberg zu sehen, ist ein Zusammenschnitt aus Shakespeares „Coriolan“, „Julius Cäsar“ und „Antonius und Cleopatra“, erstellt von dem erfahrenen Dramaturgen und Autor John von Düffel. Drei an einem Abend, auch das ist eine Menge und dauert mit Pause gut dreieinhalb Stunden. Erst geht es prächtig auf, dann geht es schon auch darum, möglichst viel Handlung möglichst zügig unterzubringen.

Nicht nur die Erschöpfung aber lässt die ersten beiden, deutlich gestraffteren Teile spannender erscheinen. Hier zeigen sich auch noch politische Konstellationen, exemplarische Gegebenheiten, die nachher vom ständigen Abkürzen und dennoch flugs noch Erzählen verwischt werden. Die Geschicke des hochmütigen Coriolanus – zu stolz, sich in einen herkömmlichen Wahlkampf zu begeben – und des geschmeidigeren (nicht weniger arroganten) Mark Anton – rhetorisch meisterlich, „Brutus ist ein ehrenwerter Mann“ – manifestieren sich in ihrem Verhalten gegenüber einem wetterwendischen, nie selbst auftretenden, aber doch allgegenwärtigen Volk. Man muss sich nicht zu sehr bemühen, um das Aktuelle zu bemerken und auch etwas davon zu haben: Das Vertrauen in Mehrheiten, in die kalkulierbare und dann doch wieder erratische öffentliche Meinung, in die egoistische und dann doch wieder selbstzerstörerische Menge ist zwar ohnehin längst erschüttert. Aber die indirekte Art, wie es hier vorgeführt wird – aus Sicht der Mächtigen und unter besonderer Berücksichtigung ihrer Fehler und Ignoranzen –, überzeugt doch. Auch dadurch wirkt „Antonius und Cleopatra“, inhaltlich dem zweiten Teil, „Julius Cäsar“, natürlich aufs Engste verbunden, etwas abgehängt. Dass John von Düffel auf die „Verachtung“ („Coriolan“) und die „Verschwörung“ („Julius Cäsar“) die „Verführung“ folgen lässt, klingt gut, strapaziert aber den Sinn für Folgerichtigkeit.

In Wiesbaden haben sich Beka Savic (Regie), Susanne Füller und Matthias Schaller (Ausstattung) für eine eigene abgeschlossene Welt entschieden. Sie ist gotisch dekorativ und schickt das Personal in einer Mischung aus Punk- und Gruftie-Mode in eine Kirchenruine. Die farbige Rosette ist getrümmert, aber so, dass es noch gerade stimmungsvoll ausschaut. Ein Aussichtspunkt, von dem aus garantiert nichts zu sehen ist, dient vor allem dazu, nervös die Treppe hochzuklettern und wieder hinunter. Für den Schauplatz der Cleopatra-Geschichte wird etwas mehr Platz geschaffen.

In räumlicher und zeitlicher Verdichtung also drei Niedergänge, wo möglich beziehungsreich besetzt. Michael Birnbaum ist der Volksverächter Coriolan, ein Baum von einem potenziellen Machthaber, eine Rolle, die er für Marcus Antonius fast beibehalten kann. Schön nuanciert er den Herrschertypus nun aber ins Kultivierte, die Stimme honigsüß und am Mantelkragen ein schmucker Pelz. Einer seiner Gegner ist schon im ersten Teil Janning Kahnert als Volkstribun, der die Stimmung besser einzuschätzen weiß als nachher Kahnert-Brutus, ein Mann mit offenem Visier und einer den eigenen Machenschaften zum Trotz sympathischen Arglosigkeit.

Indem in „Julius Cäsar“ der Titelheld einfach weggelassen wird (nicht einfach natürlich, aber geschickt gemacht), spitzt sich auch hier alles auf den Konflikt zwischen Birnbaum und Kahnert zu. Nur wer politisch denken kann und interpretieren, wie es logischerweise weitergehen wird, hat eine Erfolgschance.

Kruna Savic und Karoline Reinke übernehmen die Frauenfiguren mit Verve und Engagement. Dadurch wird umso sichtbarer, wie diese zur Passivität verdammt sind oder sich mit dieser Rolle auch rasch bescheiden.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: 15., 25., 28. Februar. 2., 3., 9., 23. März. www.staatstheater-wiesbaden.de

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