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Staatstheater Wiesbaden Drei, zwei, eins, los!

Meret Kiderlens Audio-Walk „Achtzig Minuten Freiheit“ führt etwas zu flott durch Wiesbaden. Trotzdem ist das ein anregender Gang für Menschen, die keine Scheu davor haben, in ein Theatererlebnis selbst und ganz direkt einbezogen zu werden.

05.10.2015 16:53
Grete Götze
Im Wiesbadener Kurhaus: Was man sonst nicht unbedingt wahrnimmt. Foto: Sven-Helge Czichy

Der Audio-Walk, in dem Zuschauer mit Kopfhörern ausgestattet wie ferngesteuert ihr Umfeld neu entdecken und so spielerisch Wissenswertes darüber erfahren, erfreut sich einiger Beliebtheit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass elitär erscheinende Institutionen wie Museen und Theater durch ihn ihre Kunst für den Stadtraum und alle seine Bürger öffnen.

Als eine der ersten Künstlerinnen, die sich dieses Mittels bediente, gilt die Kanadierin Janet Cardiff, die etwa bei der documenta 2012 ihre Zuhörer einen Spaziergang in Wort und Bild durch den alten Hauptbahnhof machen ließ. Und auch die Kollektive „Rimini Protokoll“ und „Ligna“ ließen ihre Zuhörer schon audiovisuell Städte wie Berlin und Mülheim erkunden.

Unter „Freiheitsexperten“

Meret Kiderlen hat sich in ihrem Audio-Walk „Achtzig Minuten Freiheit“ den Begriff unter dem Eindruck des 25. Jubiläums der deutschen Wiedervereinigung vorgenommen. Für ihr Projekt hat die 32-Jährige Wiesbadener „Freiheitsexperten“ mit einbezogen. Manche nur akustisch, etwa die Stimme eines minderjährigen Eritreers, der seine Flucht beschreibt. Manche leibhaftig, wie Mitglieder des Chaos Computer Clubs, die sich in der direkten Begegnung mit dem Theaterbesucher für Informationsfreiheit einsetzen.

Dass Kiderlen, die in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studierte, in Wiesbaden gut vernetzt zu sein scheint, dürfte auch am Theaterabend „Die Träume der Armen – Die Ängste der Reichen“ liegen, für den sie 2014 zusammen mit Clemens Bechtel Wiesbadener auf die Bühne holte.

Bei der Koproduktion des Theaters mit der Stadt müssen die Zuschauer sich auf Wiesbaden zubewegen. Immer zu viert geht es mit Kopfhörern vom Staatstheater aus los. Pro Gruppe erklärt sich einer zum Chef, der nach dem Hinweis „Drei, zwei, eins, los!“ zum simultanen „Start“-Drücken des Mediaplayers anleitet. Begleitet werden die Teilnehmer von der angenehm zurückhaltenden, mal humorvollen Stimme des Schauspielers Ulrich Rechenbach, der als Erzähler zwischen den Orten fungiert.

Und während man hört, was eine Ina 1989 nach der Maueröffnung als Freiheitserlebnis empfand, blickt man auf die Brunnen vor dem Kurhaus und das sonnige Wiesbaden. Eine schöne Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart. Sie funktioniert auch, wenn die Gruppe gerade vor dem Kaiser-Friedrich-Denkmal steht und eine verhüllte Frau entdeckt. Fühlt sie sich frei?, fragt sich der Zuhörer, während er schon weitergeleitet wird.

Zu einem der Höhepunkte, in der die querschnittsgelähmte Basketballspielerin Britt Dillmann plötzlich im Rollstuhl vor einem sitzt und freundlich dazu animiert, das selbst einmal auszuprobieren. Welch hohes Gut diese Freiheit ist, erfährt man am eigenen Leib, wenn man mühsam über das Kopfsteinpflaster der Goldgasse rollt. Im Verlauf des Spaziergangs wird sich der Teilnehmer immer unwohler und unfreier fühlen.

Zum Ende hin, nachdem er Dächer bestiegen und manchen Untergrund erkundet hat, denkt er sich, er hätte einige Freiheitsexperten gerne länger erlebt, so neugierig haben ihre Geschichten gemacht, und dafür auf andere verzichtet. Denn das Programm ist dicht befüllt mit Geschichten, und die angestoßenen Fragen – wie jene nach dem Sinn von Vorratsdatenspeicherung oder Religionsfreiheit – sind allesamt groß. Aber das ist nur ein kleiner Wermutstropfen.

Wer sich nicht davor scheut, selbst in Theatererlebnisse eingebunden zu werden, für den ist dieser Audio-Walk ein spannender und intelligenter Spaziergang, der außerdem einen Einblick in sonst unzugängliche Wiesbadener Orte gewährt.

Staatstheater Wiesbaden: 8. bis 11. Oktober. www.staatstheater-wiesbaden.de

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